
Schlank für Riesling
Gläser
Ein Glas verändert, was im Mund ankommt. Bei einem Rheinhessen-Riesling vom Roten Hang ist der Unterschied kaum zu überhören — man schmeckt ihn förmlich. Ein zu weites Glas lässt die kräftige Säure ungebremst nach vorn schießen. Ein zu enges sperrt dagegen den Duft nach Pfirsich und Feuerstein ein, bevor er die Nase erreicht.
Passend ist ein hoher, schlanker Kelch mit leicht nach innen gezogener Öffnung, oft als Rieslingglas verkauft, dessen schmaler Bauch den Wein beim Schlucken eher zur Zungenmitte lenkt statt an die seitlichen Ränder, wo die Säure am stärksten wirkt. Die enge Öffnung bündelt zugleich die feinen, flüchtigen Duftstoffe, die ein junger Riesling in Hülle und Fülle mitbringt.
Bei der Temperatur entscheidet sich viel. Acht bis zehn Grad sind für einen einfachen Gutswein richtig. Serviert wird er dabei gekühlt wie ein leichtes Weißbier. Ein VDP.Grosses Gewächs aus Nierstein oder Nackenheim dagegen verträgt zehn bis zwölf Grad und darf ruhig eine Viertelstunde im Glas stehen, bevor man ihn trinkt. Bei zu kalter Temperatur verstecken sich sonst genau die rauchig-mineralischen Noten, für die der Rote Hang berühmt ist.
Ein junger Gutswein braucht keine Karaffe, ein zehn Jahre gereiftes Grosses Gewächs schon. Mit dem Alter verschließt sich Riesling manchmal für ein bis zwei Jahre fast komplett — Winzer nennen das die geschlossene Phase —, und erst zwanzig Minuten Luftkontakt öffnen ihn dann wieder, ähnlich wie bei einem gereiften Rotwein.
Eingeschenkt wird nie mehr als bis zur breitesten Stelle des Kelchs, bei einem üblichen Rieslingglas also kaum hundert Milliliter. Wer randvoll einschenkt, nimmt dem Wein den Raum, in dem sich Aromen erst entfalten können. Reife Aprikose braucht genau diesen Platz. Das gilt auch für die salzig-rauchige Note vom Rotliegend. Weniger im Glas heißt hier tatsächlich mehr in der Nase.