
Regenschatten & Sonne
Klima
Zieh eine Linie von Bingen nach Worms. Du stehst dann mitten in einem der trockensten Landstriche Deutschlands. Hunsrück und Donnersberg fangen die feuchten Wolken vom Atlantik ab, bevor sie Rheinhessen erreichen. Was übrig bleibt, sinkt als warme, fast wolkenlose Luft ins Hügelland — ein Regenschatten, der die Region seit jeher zum Kornland gemacht hat und erst in zweiter Linie zum Weinland.
Im Schnitt fallen nur rund 530 Millimeter Niederschlag im Jahr, deutlich weniger als an Mosel oder Ahr. Dafür scheint hier die Sonne länger als überall sonst in Deutschland. Knapp 1.970 Stunden im Jahr. Für die Reben bedeutet das selten Fäulnis, aber häufig Trockenstress, besonders auf den flachgründigen Böden zum Rhein hin, wo im Hochsommer manche Rebe schon im August in eine Art Ruhezustand geht.
„Land der tausend Hügel“ nennen die Rheinhessen ihre Landschaft. Der Name trifft die Sache genauer als jede Klimazahl. Zwischen den sanften Kuppen wechseln Hangneigung und Ausrichtung im Abstand weniger hundert Meter, und mit ihnen wechselt das Mikroklima. Ein Südhang bei Nierstein liegt oft drei bis vier Grad wärmer als eine Senke bei Alzey, nur wenige Kilometer entfernt. Wer hier Wein macht, wählt seinen Hügel mit Bedacht — so sorgfältig, wie man andernorts eine ganze Region auswählt.
Am Roten Hang kommt ein zweiter Effekt hinzu. Der Rhein liegt direkt unter den Weinbergen von Nackenheim und Nierstein und speichert tagsüber Wärme, die er nachts wieder abgibt, und zugleich spiegelt das Wasser zusätzliches Licht auf die Reben. Zusammen mit der schnellen Erwärmung des dunklen, eisenhaltigen Rotliegend-Gesteins entsteht hier etwas Besonderes. Es ergibt eines der wärmsten Kleinklimata der Region.
Der Klimawandel trifft ein Gebiet, das ohnehin schon knapp mit Wasser haushaltet, besonders hart. Die Lese hat sich in dreißig Jahren um gut zwei Wochen nach vorn verschoben, und in heißen Jahrgängen begann sie in manchen Lagen bereits Ende August. Viele Betriebe pflanzen deshalb wieder höher an den Hunsrück-Ausläufern und begrünen zwischen den Rebzeilen. Sie lassen zudem mehr Laub stehen, um die Trauben vor der Mittagssonne zu schützen.