
Am Beispiel Pettenthal
Verkosten
Nimm ein Glas Riesling aus dem Niersteiner Pettenthal und halte es gegen ein weißes Blatt Papier. Jung zeigt er ein helles Grüngelb mit einem fast silbrigen Schimmer, kaum dunkler als Wasser mit einem Tropfen Zitronensaft, und erst nach acht, zehn Jahren wandert die Farbe langsam in Richtung Gold. Das ist ein gutes Zeichen. Im Glas passiert dann gerade etwas Interessantes.
Riech einfach zweimal daran. Einmal im ruhigen Glas, einmal nach dem Schwenken. Jung dominiert Steinobst — weißer Pfirsich, manchmal etwas Aprikose, dazu eine Note, die viele als Feuerstein oder angeschlagenen Kieselstein beschreiben und die vom eisenreichen Rotliegend-Boden kommt. Mit den Jahren wandelt sich das, denn ältere Rheinhessen-Rieslinge entwickeln einen Duft nach Petroleum, der Kenner begeistert und Neulinge manchmal irritiert.
Im Mund achte auf zwei Dinge, die sich gegenseitig tragen müssen: Säure und Extrakt. Die Säure eines Rieslings vom Roten Hang ist dabei hoch, und ohne genug Fruchtsüße oder Extrakt dahinter würde der Wein schnell spitz und unangenehm schmecken. Ein gutes Grosses Gewächs balanciert beide Seiten aus. Die Säure wirkt dann als Spannung, nicht als Schärfe.
Manchmal findet sich am Flaschenboden oder Korken etwas, das aussieht wie Zucker oder Glassplitter: Weinstein. Das sind ausgefallene Säurekristalle, kein Fehler und kein Fremdkörper, und sie kommen gerade bei kühl und lange gelagerten Rheinhessen-Rieslingen häufiger vor als bei warmen Anbaugebieten. Ein Grund zur Sorge ist das nicht. Wer ihn im Glas findet, kann beruhigt weitertrinken.
Zum Schluss zähl mit. Wie lange bleibt der Geschmack, nachdem du geschluckt hast? Bei einem einfachen Gutswein sind das drei, vier Sekunden, doch ein Grosses Gewächs aus dem Pettenthal oder dem Rothenberg zieht sich oft über zwanzig Sekunden und mehr. Am Ende bleibt dann nur noch eine salzig-mineralische Note übrig, wenn Frucht und Säure längst verklungen sind.