
An einem Weißburgunder
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Gieß einen Weißburgunder von der Saale ins Glas und halte es gegen das Licht. Das täuscht nicht. Die Farbe ist blass, fast wie verdünntes Stroh, manchmal mit einem grünlichen Schimmer am Rand — ein Zeichen für die kurze, kühle Reifezeit, nicht für schlechte Qualität.
Rieche zuerst, ohne zu schwenken. Dann schwenke und rieche erneut, denn der Unterschied zwischen beiden verrät mehr, als ein einzelnes Riechen je könnte. Zuerst kommt grüner Apfel, manchmal Zitrone. Danach folgt oft ein Hauch Mandel oder frisches Heu, der erst durch die Bewegung im Glas nach oben steigt.
Im Mund dominiert sofort die Säure. Das ist kein Zufall. Sie kommt seitlich an der Zunge an, lässt sofort Speichel fließen, und genau das ist der Fingerabdruck eines Weins vom 51. Breitengrad: Wo der Süden Fülle liefert, liefert Saale-Unstrut Spannung. Ein Wein ohne diese Säure schmeckt hier fast immer nach einem schwachen Jahrgang, nicht nach Stil.
Manchmal liegen am Flaschenboden oder am Korken kleine, glasklare Kristalle — Weinstein, ausgefallene Säure, die bei kalter Lagerung entsteht. Ein gutes Zeichen. Bei Weinen aus so kühlen Lagen wie diesen ist das häufiger zu sehen als im Süden, und es ist überhaupt kein Fehler, nur ein weiterer Beweis für die hohe Säure, die diese Weine tragen.
Am Ende zählt der Abgang. Bei einem einfachen Müller-Thurgau verklingt er nach wenigen Sekunden, bei einem sorgfältig ausgebauten Weißburgunder von einer der steilen Muschelkalklagen hält er deutlich länger an, mit einer mineralischen Note, die eher an nassen Stein als an Frucht erinnert. Wer beides nacheinander probiert, versteht sofort, warum die Lage hier fast alles entscheidet.