Region & Geschichte in der Region Hampshire

Kreide statt Champagne

Region & Geschichte

Bis 1952 gab es in England keinen einzigen ernsthaften Weinberg. Der pensionierte Diplomat Sir Guy Salisbury-Jones änderte das, fast beiläufig, beim Blick aus dem Fenster seines Hauses in Hambledon auf die kreidigen Südhänge der South Downs. Sein Stiefsohn fragte, warum dort eigentlich kein Wein wachse. Salisbury-Jones war Frankophiler, hatte als Diplomat Jahre in Paris verbracht und ließ sich von Freunden beim Champagnerhaus Pol Roger bei der Sortenwahl beraten. 1952 pflanzte er die ersten Reben. 1954 kam die erste Ernte, ein Jahr später der erste Wein: ein stiller Seyval Blanc. Der „Daily Telegraph“ nannte Salisbury-Jones später den Vater des englischen Weins.

Der Ruhm hielt nicht an. In den Neunzigerjahren wechselte das Gut den Besitzer, und der Weinbau wurde vernachlässigt. Von einst zehn Acres blieben am Ende nur noch vier übrig. Für ein Land, das gerade erst gelernt hatte, dass hier überhaupt Wein wachsen kann, war das ein herber Rückschlag.

1999 kaufte der Unternehmer Ian Kellett das Anwesen. Er ließ zunächst Boden und Klima gründlich untersuchen, bevor er auch nur eine einzige Rebe pflanzte. Das Ergebnis überraschte niemanden, der die Champagne kennt: dieselbe Kreide, nur unter englischem Himmel. 2005 setzte er 27 verschiedene Kombinationen aus Klon und Unterlage — also aus Rebsorten-Spielart und der Wurzel, auf die sie gepfropft wird — der drei Champagner-Sorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Aus einem Landsitz mit Weinbau als Nebensache wurde so ein Betrieb mit rund achtzig Hektar, der ganz auf Flaschengärung setzte.

Kellett war nicht allein. 2003 pflanzte der Gutsbesitzer Malcolm Isaac auf seinem Anwesen Exton Park dieselben drei Sorten auf Kreideboden. Fünf Jahre später bauten die befreundeten Investoren Nicholas Coates und Christian Seely eine eigene Marke auf gekauften Trauben aus genau diesem Weinberg auf. Im selben Jahr 2008 startete der Landwirt Simon Robinson bei Alresford sein eigenes Projekt, aus dem Hattingley Valley wurde. Die Winzer kannten sich, tauschten Trauben und Erfahrung. Jacob Leadley etwa gründete Black Chalk, während er noch für Hattingley Valley arbeitete.

Heute stehen in Hampshire auf rund 380 Hektar Reben. Das ist ein Zehntel der gesamten englischen Anbaufläche und reicht für den vierten Platz unter den Weinbaugrafschaften des Landes. Eine eigene Herkunftsbezeichnung wie das benachbarte Sussex, das 2022 als erste englische Grafschaft ein eigenes PDO erhielt, hat Hampshire noch nicht. Die Weine laufen unter dem allgemeinen englischen Gütesiegel. Der Beiname, den Hambledon sich selbst gibt, klingt trotzdem nicht übertrieben: „Birthplace of English Wine“, Geburtsstätte des englischen Weins.

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