
Geduld statt Eile
Herstellung
Kentischer Sekt entsteht genauso wie Champagner: durch eine zweite Gärung direkt in der Flasche. Zuerst keltern die Winzer einen trockenen, sehr sauren Grundwein aus Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Dann kommen Hefe und etwas Zucker dazu, die Flasche wird verschlossen, und in der Kälte des Kellers beginnt eine zweite, viel langsamere Gärung. Dabei entsteht die Kohlensäure, die später als feine Perlage aufsteigt.
Gesetzlich reichen für die englische Ursprungsbezeichnung neun Monate auf der Hefe. Die ambitionierteren Betriebe der Grafschaft lachen über diese Zahl. Gusbourne in Appledore lässt seinen Sekt mindestens 36 Monate liegen. Der Blanc de Blancs reift sogar 39 Monate, und eine spät degorgierte Brut-Reserve-Ausgabe des Jahrgangs 2013 kam am Ende sogar auf 7,5 Jahre auf der Hefe. In dieser Zeit zersetzen sich die toten Hefezellen langsam von innen. Genau daraus entsteht der Duft nach Brioche und geröstetem Brot, den man in jungem Sekt vergeblich sucht.
Irgendwann muss die Hefe wieder raus. Dafür wandert die Flasche kopfüber in ein Rüttelpult, ein hölzernes Gestell mit schrägen Löchern. Dort wird sie über Wochen langsam gedreht und immer steiler gestellt, bis sich der Bodensatz im Flaschenhals sammelt. Bei Squerryes auf den North Downs läuft dieses Rütteln heute meist über computergesteuerte Gyropaletten statt von Hand. Beim Degorgieren friert man diesen Pfropfen kurz ein und schießt ihn beim Öffnen der Flasche einfach heraus, und was danach fehlt, füllt die sogenannte Dosage wieder auf: eine kleine Menge Wein mit Zucker, deren Höhe am Ende entscheidet, ob auf dem Etikett Brut oder Extra Dry steht.
Bei der Herkunftsbezeichnung hat Kent trotz seiner Größe das Nachsehen. Sussex sicherte sich 2022 als erste englische Region eine eigene geschützte Ursprungsbezeichnung. Dort steht seither der eigene Name auf dem Etikett. Kent, die größte Weinbaugrafschaft des Landes, füllt seinen Sekt bis heute unter der allgemeinen englischen Bezeichnung ab, ohne den eigenen Grafschaftsnamen. Mehrere Betriebe arbeiten an einem eigenen Antrag, bislang ohne Erfolg.