
Sonne, Regen, Frost
Klima
Kent nennt sich seit jeher den Garten Englands, und beim Wetter stimmt der Name gleich doppelt. Keine andere englische Grafschaft bekommt so viel Sonne ab. Der Südosten insgesamt gilt als der sonnigste, trockenste Zipfel des Landes. Winzer wie Pierre-Emmanuel Taittinger nennen Kent inzwischen offen eine der wärmsten und trockensten Gegenden überhaupt. Im Hochsommer bringt es der Juli auf neun bis zehn Sonnenstunden am Tag.
Vor fünfzig Jahren reichte das trotzdem nicht. Die Durchschnittstemperatur im Südosten Englands ist seither um etwa 1,8 Grad gestiegen, und dieser eine Wert erklärt fast die gesamte englische Sekt-Erfolgsgeschichte der letzten zwanzig Jahre. Kents heutiges Klima ähnelt damit dem der Champagne in den Achtzigerjahren. Was dort einst Grenzlage war, ist hier inzwischen Normalfall.
Der Fortschritt hat einen Haken: den April. Warme Wochen lassen die Knospen früh austreiben, und ein einziger kalter Morgen danach reicht, um die junge Ernte zu vernichten. Im April 2017 fielen die Temperaturen im Südosten drei Nächte hintereinander auf minus sechs Grad, ein Kältewert, den es zwanzig Jahre lang nicht gegeben hatte. Allein auf dem Hush-Heath-Weingut in Kent gingen damals vierzig Prozent der erwarteten Ernte verloren, landesweit sank die Erntemenge in jenem verhagelten Jahr auf gerade einmal 5,9 Millionen Flaschen, den niedrigsten Wert seit Jahren. Viele Betriebe stellen seither Kerzen oder Windmaschinen zwischen die Rebzeilen.
Nachts kühlt die Nähe zum Meer trotzdem verlässlich ab. Diese Differenz zwischen Tag und Nacht hält die Säure in der Traube fest, statt sie in der Sommerhitze zu verbrennen. Auf den Südhängen der North Downs kommt ein dritter Vorteil dazu. Wer hier pflanzt, fängt die tief stehende Sonne von morgens bis abends ein, ohne dass ein Hügel im Weg steht.