
Claret & Klassifizierung
Region & Geschichte
Im Mai 1152 heiratete Eleonore von Aquitanien den jungen Heinrich Plantagenet aus dem Haus Anjou. Zwei Jahre später wurde er als englischer König gekrönt, und mit ihr fiel Bordeaux für dreihundert Jahre an England. Der Wein der Stadt hieß damals clairet. Er war hell und dünn. Meist verdarb er schon wenige Monate nach der Ernte. Die Engländer tranken ihn trotzdem literweise, begünstigt durch niedrige Zölle für die Bordelaiser Winzer. Jeden Herbst legte eine ganze Flotte am Hafen an, um den neuen Jahrgang zu laden. Aus clairet wurde im Englischen claret — ein Name, der bis heute für Rotwein aus Bordeaux steht.
Der Ruf des Rotweins wuchs schneller als jede Ordnung. Für die Pariser Weltausstellung 1855 verlangte der französische Kaiser eine Rangliste der besten Güter, und die Bordelaiser Weinmakler erstellten sie anhand der Verkaufspreise der letzten hundert Jahre. Einundsechzig Weingüter kamen fast alle aus dem Médoc, nur eines nicht. Château Haut-Brion aus den Graves wurde als einzige Ausnahme mitsortiert, in fünf Klassen von Premier Cru bis Cinquième Cru. Seither hat sich an dieser Liste fast nichts geändert, nur eine einzige Ausnahme: 1973 stieg Château Mouton Rothschild vom Zweiten in den Ersten Rang auf, nach jahrzehntelangem Drängen.
Zwischen 1875 und 1892 fraß die Reblaus fast jeden Weinberg der Gegend kahl. Die Winzer retteten sich nur, indem sie ihre Reben auf amerikanische Wurzelstöcke pfropften. Mitten in dieser Krise entstand ein Zufallsfund. Der Bordeaux-Professor Alexis Millardet beobachtete 1882 im Médoc Reben, deren Blätter man mit einer giftig blauen Mischung aus Kupfersulfat und Kalk bestrichen hatte, um Diebe abzuschrecken, nicht um Pilze zu bekämpfen. Sie blieben trotzdem vom Falschen Mehltau verschont, und Millardet erkannte sofort den Zusammenhang. 1885 stellte er daraus die bouillie bordelaise vor, bis heute eines der wichtigsten Mittel im Weinbau überhaupt.
Betrug mit falschen Herkunftsangaben nach der Reblauskrise brachte 1936 die Antwort. Bordeaux erhielt als eine der ersten Regionen Frankreichs den Status einer Appellation d'Origine Contrôlée. Verkauft wird der Wein bis heute trotzdem selten direkt ab Gut. Ein dreistufiges System aus Château, Courtier und Négociant, genannt die Place de Bordeaux, handelt seit dem siebzehnten Jahrhundert fast jede Flasche der Region, und direkt am Château kauft bis heute kaum jemand.
Selbst die jüngere Geschichte zeigt, wie ernst hier Rang und Rangliste genommen werden. Als der Klassifizierungsrat von Saint-Émilion 2022 seine alle zehn Jahre fällige Neubewertung veröffentlichte, verzichteten drei der vier höchsten Güter freiwillig auf ihren Platz. Cheval Blanc, Ausone und Angélus traten aus, um sich der Prüfung erst gar nicht zu stellen. Ein Titel ist hier mehr wert als ein Preis.