
Regenschatten der Vogesen
Klima
Die Vogesen stehen wie eine Mauer im Westen. Diese Mauer entscheidet fast alles im elsässischen Weinberg, denn feuchte Atlantikluft zieht von Westen heran, staut sich an den Hängen, regnet dort ab und kommt trocken und erwärmt auf der Ostseite wieder herunter. Meteorologen nennen das den Föhneffekt.
Colmar liegt genau in diesem Windschatten. Die Stadt misst im Schnitt nur rund fünfhundert Millimeter Regen im Jahr und gilt damit als die trockenste Stadt Frankreichs, ein Wert, den man eher in Südspanien erwarten würde als am Rand der Vogesen. Für die Reben ist das ein Segen. Wenig Regen bedeutet wenig Pilzdruck, und die Trauben bleiben bis zur Lese gesund.
Dazu kommt die Sonne. Über siebzehnhundert Sonnenstunden zählt man in Colmar pro Jahr, mehr als in mancher Stadt am Mittelmeer, und zusammen mit dem trockenen Klima ergibt das die Bedingungen, unter denen späte, anspruchsvolle Sorten wie Gewürztraminer und Riesling überhaupt erst reif werden. Beide brauchen lange am Stock.
Kalte, trockene Winter geben den Reben ihre nötige Ruhe. Warme, gewittrige Sommer lassen die Trauben schnell Zucker aufbauen, und dieses Wechselspiel nennen Klimatologen halbkontinental. Zwischen Tag und Nacht schwankt die Temperatur deutlich, gerade im Herbst. Diese Schwankung hält die Säure in der Beere fest, während die Aromen trotzdem reifen.
Über allem thront der Grand Ballon. Mit vierzehnhundertvierundzwanzig Metern ist er der höchste Gipfel der Vogesen, und von den Weinbergen aus sieht man ihn an klaren Tagen deutlich, oft noch mit Schnee auf dem Kamm, während unten im Tal längst Frühling herrscht. Kein Weinberg liegt hier weit von einem Berg entfernt, der über tausend Meter aufragt.