
Salzig ohne Salz
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Halte einen jungen Santorini gegen das Licht, und du siehst kaum Farbe. Ein blasses Grüngelb, fast wasserhell, ist normal. Das ist ein Zeichen der hohen Säure, die diese Weine auch nach ein, zwei Jahren in der Flasche kaum nachdunkeln lässt. Ein dunkleres Gold deutet dagegen meist auf Fassausbau hin, also auf einen Nykteri.
Riech zuerst, ohne zu schwenken. Im ruhigen Glas kommt fast immer Limette zuerst, manchmal auch etwas Grapefruit. Schwenke das Glas, und ein zweiter, salziger Ton schiebt sich dazu, den viele mit dem Geruch von Meerwasser nach einem Regenschauer vergleichen. Nach ein paar Jahren Reife kommt ein dritter Ton hinzu, rauchig und fast petrolartig, wie man ihn sonst von gereiftem Riesling kennt.
Diese Salzigkeit ist streng genommen eine Täuschung. Salz aus dem Boden nimmt keine Rebe auf, dafür sind die Mengen an gelösten Mineralien im Wasser viel zu gering. Was im Mund wie Salz wirkt, ist ein Zusammenspiel aus sehr hoher Säure und einem bestimmten, mineralisch wirkenden Eindruck am Gaumen. Das ist echt genug, um jeden zu überzeugen, aber chemisch etwas anderes als das, wonach es schmeckt.
Im Mund merkst du die Säure zuerst seitlich an der Zunge, scharf und anhaltend, noch bevor überhaupt Frucht ankommt. Bei einem Nykteri liegt darüber eine breitere, vom Fass gerundete Textur. Bei Vinsanto verschiebt sich alles: Honig, getrocknete Aprikose und Rosine dominieren. Doch dieselbe hohe Säure trägt auch diesen süßen Wein bis zu einem Abgang, der eine ganze Minute lang nachklingt, ohne je klebrig zu wirken.