
Tratturi & DOC
Region & Geschichte
Lange bevor hier jemand über Denominazionen sprach, bestimmten Schafe den Kalender. Jeden neunundzwanzigsten September trieben Hirten ihre Herden von den Sommerweiden der Abruzzen hinunter Richtung Apulien, auf breiten Grasstraßen, den Tratturi. Manche davon waren über hundert Meter breit, damit tausende Tiere durchkamen, ohne die Äcker daneben zu zertrampeln. König Alfons von Aragon ordnete das Wegenetz 1447 mit festen Regeln, und Jahrhunderte später erklärte die UNESCO die Praxis zum immateriellen Erbe der Menschheit. Reben wuchsen an diesen Pfaden von Anfang an mit. Wo Herden Rast machten, blieben Bauern, und wo Bauern blieben, wurde gepflanzt.
Über Jahrhunderte hieß Qualität hier vor allem: viel. Winzer zogen ihre Reben auf der Pergola abruzzese hoch in die Luft, einem breiten Blätterdach auf Pfosten, unter dem man aufrecht zwischen den Reihen gehen konnte. Praktisch für die Ernte, aber schlecht fürs Glas. Je mehr Trauben ein Stock trug, desto dünner wurden Farbe und Aroma im fertigen Wein. Fassweinware für den schnellen Verkauf war das Ziel, nicht Charakter.
Loreto Aprutino, keine dreißig Kilometer von der Adria entfernt, zeigte, wie es anders geht. Das Gut dort wurde schon 1650 gegründet. Doch erst Edoardo Valentini machte daraus ab 1956 einen Namen, den man bis heute in einem Atemzug mit den großen Weinen Italiens nennt. Er verkaufte kaum, empfing selten Besuch. Seinen Trebbiano und seinen Montepulciano ließ er einfach für sich sprechen, bis zu seinem Tod im Jahr 2006. Qualität vor Menge, das war anderswo längst Standard — in den Abruzzen führte er es fast im Alleingang vor.
Der Staat brauchte länger, um das zu verstehen. Montepulciano d'Abruzzo wurde 1968 zur DOC, einem staatlich geschützten Herkunftsnamen ohne viel Anspruch an die Qualität, und die Hügel um Teramo am Fuß des Gran Sasso bekamen erst 1995 eine eigene Unterzone, Colline Teramane. 2003 stiegen sie zur ersten DOCG der Abruzzen auf, der strengsten italienischen Stufe mit Kontrolle und Herkunftsgarantie zugleich. Cerasuolo, der kirschrote Rosé aus derselben Traube, musste noch länger warten und lief bis 2010 nur als Nebenprodukt des Montepulciano mit.
Ein Streit begleitet den Namen bis heute. Eine toskanische Stadt heißt ebenfalls Montepulciano. Dort aber wächst Sangiovese unter dem Namen Prugnolo Gentile, und Käufer verwechseln die beiden Weine seit Generationen. Erst 2021 musste die Toskana ihr Etikett ändern und den Zusatz Toscana verpflichtend machen. In den Abruzzen dagegen war Montepulciano nie ein Ortsname, sondern von Anfang an nur der Name der Rebe.