
Föhn und Höhenluft
Klima
Das Aostatal zählt zu den trockensten Ecken der Alpen. Der Grund liegt in seiner Lage: Berge auf allen Seiten. Feuchte Luft aus Westen regnet sich an den französischen Gipfeln ab, bevor sie das Tal erreicht, und der Föhn, ein warmer, fallender Wind, trocknet den Rest zusätzlich aus. In Aosta selbst fallen im Jahr kaum fünfhundertfünfzig Millimeter Regen.
Diese Trockenheit ist Segen und Risiko zugleich. Pilzkrankheiten haben es schwer, was Spritzmittel spart und die Trauben gesund hält bis zur Lese. Gleichzeitig müssen viele Reben ohne künstliche Bewässerung auskommen, und alte Rebstöcke treiben ihre Wurzeln deshalb tief in den durchlässigen, steinigen Boden. Wer flach wurzelt, verdurstet.
Die Höhe entscheidet über den Rest. Vom niedrigsten Weinberg bei Donnas, kaum dreihundert Meter über dem Meer, bis zu den Rebflächen um Morgex auf zwölfhundert Metern liegen fast neunhundert Höhenmeter Unterschied. Mit jeder Stufe sinkt die Temperatur spürbar, und nahe dem Mont Blanc reifen Trauben deshalb unter völlig anderen Bedingungen als unten im breiteren Talboden.
Der Unterschied zwischen Tag und Nacht verstärkt diesen Effekt. Im Sommer klettert das Thermometer tagsüber oft auf achtundzwanzig Grad. Nachts fällt es spürbar, weil kalte Luft von den Gletschern ins Tal absinkt, und diese Kühle hält die Aromen fest und bremst den Säureabbau, den Hitze sonst beschleunigt.
Spätfrost bleibt trotzdem die größte Sorge. Weil die Reben an den Hängen früh austreiben, kann ein einziger kalter Aprilmorgen die Ernte einer ganzen Parzelle vernichten. Die niedrige pergola bassa, die traditionelle Erziehungsform des Tals, hält die Trauben deshalb näher an den warmen, wärmespeichernden Steinmauern der Terrassen. Das ist ein einfacher Trick gegen ein Risiko, das jedes Jahr zurückkehrt.