
Primitivo & Negroamaro
Rebsorten
Primitivo trägt fast schwarze Beeren. Der Wein daraus wirkt im Glas dunkler als fast jeder andere Rotwein Italiens. Die Schale ist dick, das Tannin – der raue, austrocknende Griff im Mund – deshalb eher weich als kantig. In der Hitze Apuliens steigt der Zucker so hoch, dass der trockene Primitivo di Manduria mindestens 13,5 Volumenprozent Alkohol haben muss. Das ist die höchste Pflichtangabe für einen trockenen, ungespriteten Wein weltweit. In Gioia del Colle bleibt er straffer. Näher an der Küste bei Manduria wird er runder, manchmal sogar fast süß.
Negroamaro trägt seinen Namen zweimal. Negro kommt vermutlich vom lateinischen niger, amaro klingt nach dem griechischen mavros – beides heißt schwarz, doppelt gemoppelt für eine fast schwarze Traube. Ihr Zuhause ist der Salento. Vor allem um Salice Salentino, Squinzano, Copertino und Brindisi muss sie in den Rotweinen mindestens fünfundachtzig Prozent ausmachen. Anders als Primitivo schmeckt Negroamaro herber, mit dunkler Kirsche, Kräutern und einem bitteren Unterton, der zum Namen passt. Aus dieser Traube entstand 1943 der Five Roses, der erste in Italien abgefüllte Roséwein. Ein amerikanischer Offizier wollte einen italienischen Wein mit amerikanisch klingendem Namen – das ist die ganze Geschichte.
Weiter nördlich, in der Capitanata rund um die Stadt Troia, wächst eine andere dunkle Sorte: Nero di Troia. Der Legende nach brachte der griechische Held Diomede nach dem Fall Troias Rebstöcke an diese Küste. Wahrscheinlicher ist die schlichte Herkunft vom Ortsnamen. Ihre Tannine sind fest und brauchen Zeit. Deshalb muss die Riserva der Castel del Monte DOCG mindestens zwei Jahre reifen, davon eines im Holzfass. Jung wirkt Nero di Troia fast verschlossen; nach einigen Jahren öffnet er sich zu Sauerkirsche, Leder und getrockneten Kräutern.
Susumaniello klingt nach einem Kosenamen, und genau das ist er. Der Name spielt auf den Esel an: Der junge Weinstock trägt so viele Trauben, dass er aussieht wie ein bepackter somarello, ein kleiner Esel. Über Jahrzehnte verschwand er fast. Man nutzte ihn nur zum Verschneiden, seine Farbe und Säure sollten schwächere Weine stützen. Erst seit wenigen Jahrzehnten füllen Winzer rund um Brindisi ihn wieder sortenrein ab, mit auffällig viel Säure und Farbstoff für eine Rebe aus dieser Hitze.
Nicht ganz Apulien ist rot. Zwischen den Trulli, den kegelförmigen Steinhäusern der Kleinstadt Locorotondo, wachsen zwei helle Sorten: Verdeca und Bianco d'Alessano. Aus ihnen entsteht seit Juni 1969 die Locorotondo DOC, eine der ältesten Herkunftsbezeichnungen Italiens überhaupt. Verdeca bringt Frische mit, Bianco d'Alessano rundet ab. Daneben haben sich internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon unter der IGT Salento breitgemacht, der freieren Herkunftsklasse unterhalb der DOC. Wer nur an schwere, süße Rotweine aus Apulien denkt, hat diese hellere Hälfte der Region noch nicht im Glas gehabt.