
Enotria bis DOCG
Region & Geschichte
Griechische Seefahrer landeten im achten Jahrhundert vor Christus an der Küste, die heute Salento heißt, und trafen dort auf Reben, die einheimische Völker längst an Holzpfählen zogen. Sie nannten das Land Enotria. Das Wort stammt von oinotron, dem Stützpfahl für die Rebe, nicht direkt von Wein. Für ganz Süditalien blieb der Name in Gebrauch, aber nirgendwo passte er so genau wie hier, wo die Ebenen bis zum Horizont mit Reihen bepflanzt waren.
Danach passierte lange nichts Besonderes. Jahrhundertelang blieb der Wein aus Apulien kräftig, dunkel und billig zu erzeugen. Als die Reblaus Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Weinberge Frankreichs und Norditaliens vernichtete, wurde genau das zum Geschäft. Fässer voller Rotwein reisten nach Norden, um dünnere Weine aufzupäppeln. Alkohol, Farbe, Körper – verkauft ohne eigenen Namen. Bis in die Neunzigerjahre kannte kaum jemand außerhalb der Region die Sorten, die darin steckten.
Ein Landpfarrer brachte einen Teil dieser Geschichte ins Rollen. Francesco Filippo Indellicati beobachtete um 1800 in seinem Weinberg bei Gioia del Colle einen Stock, der später austrieb als seine Nachbarn und trotzdem als Erster reif war. Er nannte die neue Pflanze Primaticcio, die Frühreife – daraus wurde Primitivo. In manchen Jahren wird sie schon Mitte August geerntet, und wer im Frühsommer die Triebspitzen kappt, bekommt an den Seitentrieben sogar eine zweite, kleinere Ernte im Oktober.
Fast zweihundert Jahre später bekam die Geschichte eine Fortsetzung im Labor. Die Genetikerin Carole Meredith verglich im Dezember 2001 mit kroatischen Kollegen das Erbgut dreier Reben, die bis dahin niemand zusammen gedacht hatte. Primitivo aus Apulien, Zinfandel aus Kalifornien und die fast vergessene kroatische Sorte Crljenak Kaštelanski gehörten dazu. Alle drei erwiesen sich als genetisch identisch. Ein Wein, den amerikanische Siedler für eine eigene Entdeckung hielten, wuchs die ganze Zeit an der Adriaküste – nur unter einem anderen Namen.
Die Wende kam spät, dafür schnell. Ab den Siebzigerjahren begannen einzelne Weingüter, ihre besten Trauben selbst abzufüllen statt in den Tankwagen zu schicken. Heute trägt die Region vier DOCG-Weine, die höchste italienische Qualitätsstufe, und achtundzwanzig DOC-Zonen. Über allem thront das achteckige Castel del Monte, von Kaiser Friedrich dem Zweiten im dreizehnten Jahrhundert erbaut und seit 1996 Weltkulturerbe der UNESCO. Aus der Tankstelle für fremde Weinberge ist eine eigene Adresse geworden.