
Antike bis Secco
Region & Geschichte
Lange bevor Rom irgendjemanden interessierte, prägten die Etrusker diese Ebene. Ihre Handelsstadt Spina im Marschland bei Comacchio war ein Umschlagplatz zwischen Etruskern und Griechen. In den mehr als viertausend Gräbern ihrer Nekropole liegen bis heute attische Amphoren, die meisten davon für Wein. Im Landesinneren lag mit Kainua, dem heutigen Marzabotto, eine der wichtigsten Städte dieser etruskischen Poebene. Verbunden war sie mit Spina und mit Felsina, dem antiken Bologna. Schon Vergil, Cato und Varro schrieben von der labrusca, einer Wildrebe, die sich an Waldrändern in Bäume hochrankte. Ihr Name lebt bis heute weiter, im Lambrusco.
Bis ins zwanzigste Jahrhundert blieb der Wein hier vor allem Bauerngetränk: leicht, spritzig, schnell getrunken. Das änderte sich mit dem Tankverfahren. Ab den Sechzigerjahren ließ sich Lambrusco im großen Stil und billig herstellen, amerikanische Importeure verkauften ihn literweise als süßen Partywein, und die Presse in den USA gab ihm bald einen Spitznamen: Italian Coca-Cola. Millionen Flaschen gingen über den Atlantik, und der Ruf des Weins sank mit jeder verkauften Kiste.
Die Antwort kam Jahrzehnte später aus denselben Dörfern, die den süßen Massenwein einst erfunden hatten. Kleine Betriebe erinnerten sich an eine ältere Technik: die Gärung direkt in der Flasche, ohne Filtration, trüb und trocken, wie man sie schon 1865 in den Osterien von Modena ausschenkte. Der Zucker verschwand aus den Flaschen, die Säure blieb, und aus dem Partygetränk wurde wieder ein ernstzunehmender Wein.
Parallel dazu kämpfte ein weißer Wein um Anerkennung. Albana wächst seit der Spätantike in den Hügeln um Bertinoro. Der Legende nach kostete dort um 400 nach Christus die Kaiserin Galla Placidia einen Schluck aus einer Tonschale und rief, man solle ihr daraus nicht so schlicht, sondern aus Gold trinken. Daher soll der Ort seinen Namen haben, bere in oro, trinken in Gold. 1987 bekam Albana di Romagna als erster italienischer Weißwein überhaupt die höchste Herkunftsstufe des Landes zugesprochen. Über diesen Beschluss wird bis heute gestritten, weil viele den Wein dafür nicht kräftig genug fanden.
Heute stehen beide Geschichten nebeneinander. Der Lambrusco, der sein Ansehen erst verlor und mühsam zurückgewann. Die Albana, die ihren Titel bekam, bevor die Welt draußen ihn ihr zutraute. Beide erzählen dasselbe über diese Ebene: Sie wurde immer unterschätzt.