Verkosten in der Region Kalabrien

An einem Cirò

Verkosten

Nimm einen Cirò Rosso und halte das Glas vor etwas Weißes. Am Rand zeigt er sich hell, fast lachsfarben bis granatrot, viel heller als ein Nero d'Avola oder ein Aglianico aus dem übrigen Süditalien. Das täuscht. Gaglioppo ist heller im Glas, als der Gaumen es erwarten lässt, und diese Helligkeit ist reinrassig, kein Zeichen von Verdünnung oder schwacher Ernte.

Die Nase braucht Geduld. Direkt nach dem Einschenken kommt vor allem reife Kirsche und Granatapfel, mit einer Spur Veilchen darüber. Schwenkt man das Glas, treten schwerere Töne hervor. Dunkle Gewürze, getrocknete Kräuter und ein balsamischer Zug erinnern an Lorbeer oder wilden Fenchel — Pflanzen, die an der ionischen Küste ohnehin überall wachsen, oft direkt zwischen den Rebzeilen.

Im Mund wird deutlich, warum Gaglioppo lange als schwierige Sorte galt. Die Säure sitzt seitlich an der Zunge und lässt sofort Speichel fließen, während das Tannin als trockener, fast staubiger Griff am Gaumen bleibt. Beides zusammen wirkt jung streng, manchmal sogar kantig. Es braucht entweder ein paar Jahre Flaschenreife oder ein Essen, das genug Fett und Salz mitbringt, um die Kanten zu glätten.

Am Ende bleibt oft eine leicht bittere, würzige Note hängen, ein Gaglioppo-Merkmal, das man nicht mit einem Fehler verwechseln sollte. Genau dieser Abgang macht die Sorte im Blindtasting erkennbar. Zusammen mit der auffälligen Helligkeit und dem straffen Tannin gilt: Kein anderer italienischer Rotwein sieht so hell aus und schmeckt gleichzeitig so kräftig.

Wer einen einfachen Cirò DOC neben einen Cirò Classico DOCG stellt, schmeckt den Unterschied der Reifezeit direkt. Der junge DOC wirkt frisch, fruchtig, fast ungestüm. Der DOCG, mindestens drei Jahre älter und teilweise im Holz gereift, hat rundere Tannine, mehr getrocknete statt frische Frucht und einen längeren, ruhigeren Abgang. Zwei Weine aus derselben Traube, aus benachbarten Weinbergen — und doch, dank der Zeit im Keller, zwei völlig verschiedene Erfahrungen.

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