
Nuraghen bis DOCG
Region & Geschichte
Wein gab es auf Sardinien schon in der Bronzezeit. Bei Monastir, unweit von Cagliari, entdeckten Archäologen im nuragischen Dorf Monte Zara schon 1993 eine steinerne Kelter. Erst 2016 veröffentlichten Forscher der Universität Cagliari die Analyse der organischen Reste darin: Weinsäure aus dem neunten bis achten Jahrhundert vor Christus, die älteste bekannte Kelteranlage im gesamten Mittelmeerraum. Noch älter sind Spuren einer wilden Rebe aus einer Höhle am Monte Meana bei Santadi im Süden der Insel, auf rund viereinhalbtausend Jahre geschätzt. Wein war hier, lange bevor er einen Namen brauchte.
Die Phönizier kamen später. Sie blieben trotzdem prägend für das, was danach kam, denn sie gründeten Karalis, das heutige Cagliari, als Handelsstützpunkt an der Südküste und brachten eigene Rebstöcke mit. Eine von ihnen trägt bis heute einen Namen, der an die Steintürme überall auf der Insel erinnert: Nuragus. Ob er wirklich von den Nuraghen stammt oder von einem phönizischen Wort für Feuer, ist unter Fachleuten bis heute umstritten. Wein gehörte damit zum Alltag, lange bevor jemand über Herkunftsbezeichnungen nachdachte.
Über Sardinien bestimmten danach fremde Mächte, zuletzt fast vierhundert Jahre lang die Krone Aragon. Ein aragonesisches Heer landete 1323 auf der Insel, doch erst nach einer Seeschlacht vor Cagliari fiel die Stadt 1326 endgültig. Erst 1720 ging die Insel an das Haus Savoyen über. Mit den Spaniern soll in dieser Zeit auch Cannonau gekommen sein, heute die wichtigste rote Rebsorte der Insel und genetisch identisch mit der spanischen Garnacha. Neuere Funde von Traubenkernen auf der ganzen Insel stellen diese Erzählung inzwischen infrage. Cannonau könnte ebenso gut von Sardinien aus nach Spanien gewandert sein, nicht umgekehrt. Bewiesen ist bislang keine der beiden Richtungen.
Amtlich anerkannt wurde zuerst ein Wein, den heute kaum noch jemand kennt. Vernaccia di Oristano erhielt im August 1971 als erster sardischer Wein überhaupt die DOC, obwohl ihre Traubenkerne schon im Nuraghendorf Sa Osa nachgewiesen wurden, rund dreitausend Jahre alt. Cannonau di Sardegna folgte 1972, Carignano del Sulcis 1977. Vermentino di Gallura im Norden bekam 1975 die DOC und stieg 1996 als bislang einzige sardische DOCG in die höchste italienische Kategorie auf.
Wer heute über die Insel reist, sieht diese Geschichte fast überall. Im Süden stehen jahrhundertealte, nie gepfropfte Carignano-Stöcke im Sand von Sant'Antioco, im Norden trägt Vermentino den Wind aus dem Granit der Gallura. Im Bergland der Barbagia trinkt man Cannonau seit Generationen zu jeder Mahlzeit. Besonders rund um Oliena liegt die älteste Cannonau-Subzone. Genau diese Gegend gilt heute als eine der wenigen Blauen Zonen der Welt, in denen ungewöhnlich viele Menschen ein hohes Alter erreichen.