
Cannonau & Vermentino
Rebsorten
Eine einzige rote Rebsorte dominiert den sardischen Weinberg. Cannonau wächst auf mehr Fläche als jede andere Sorte der Insel, schätzungsweise auf einem Viertel bis einem Drittel der gesamten sardischen Rebfläche, und trägt den sardischen Namen für die Rebsorte Grenache. In Spanien heißt dieselbe Traube Garnacha, in Frankreich schlicht Grenache. Mindestens fünfundachtzig Prozent Cannonau schreibt die DOC dafür vor. Im zentralsardischen Mandrolisai mischt man sie sogar mit der herberen Bovale und mit Monica zu einem dritten, eigenständigen Rotwein.
Im Glas zeigt sie sich kräftig. Die Farbe ist ein sattes Rubinrot, der Alkohol liegt fast immer über dreizehn Prozent. Bei der Riserva schreibt die Vorschrift mindestens dreizehn vor. Der Duft erinnert an reife Kirsche, getrocknete Kräuter der Macchia und manchmal an Myrte, jenen Strauch, aus dem man auf der Insel auch den Likör Mirto brennt. Tannin ist reichlich vorhanden, aber selten hart.
Im Norden übernimmt eine weiße Sorte. Vermentino wuchs auf Sardinien vermutlich seit dem fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhundert, wahrscheinlich aus Spanien eingeführt, auch wenn die genaue Herkunft bis heute umstritten bleibt. In der Gallura, auf verwittertem Granit, entwickelt die Traube einen salzigen, fast maritimen Zug. Das brachte ihr den Ruf als eigenständigste Vermentino-Ausprägung Italiens ein, deutlich straffer als vergleichbare Weine vom Festland.
Im Süden dagegen, im Sulcis, steht Carignano. Dieselbe Sorte heißt in Südfrankreich Carignan und in Spanien Mazuelo. Ihre dicken Schalen reifen spät und brauchen viel Sonne, weshalb sie sich in den heißen Küstenebenen besonders wohlfühlt, und auf Sant'Antioco wachsen bis heute Stöcke, die nie auf eine amerikanische Unterlage gepfropft wurden. Manche sind über hundert Jahre alt. Der reine Sandboden dort hielt die Reblaus fern.
Daneben halten sich alte Weißweine. Nuragus stammt vermutlich aus phönizischer Zeit und liefert frische, unkomplizierte Weine mit viel Zitrusnote. Vernaccia di Oristano dagegen reift oxidativ unter einer Hefeschicht, ähnlich einem spanischen Sherry, und schmeckt nach Mandel und Salz. Ihre Anbaufläche schrumpfte von über fünfzehnhundert Hektar in den Siebzigerjahren auf inzwischen nur noch rund dreihundert Hektar und zählt damit zu den am stärksten gefährdeten Weintraditionen Italiens.