
An einem Teroldego
Verkosten
Nimm einen Teroldego und halte ihn gegen das Licht. Die Farbe ist dicht. Am Glasrand scheint oft nur ein schmaler violetter Ring durch, selbst bei Weinen mit einigen Jahren Flaschenreife. Das kommt von der dicken Schale der Beere, die auf dem kargen Kies des Campo Rotaliano wächst und darin überdurchschnittlich viel Farbstoff einlagert. Ein blasser Teroldego ist fast immer ein Zeichen für einen schwachen Jahrgang.
Riech zweimal: einmal im ruhigen Glas, einmal nach dem Schwenken, denn im ruhigen Glas kommen zuerst Brombeere und Heidelbeere, dunkel und fast süß. Nach dem Schwenken folgen Veilchen, ein Hauch schwarzer Pfeffer und oft eine erdige, fast wilde Note, die manche Verkoster an nasses Laub im Herbstwald erinnert. Diese dritte Ebene unterscheidet Teroldego von den meisten anderen italienischen Rotweinen und macht ihn im Blindtest erkennbar.
Im Mund triffst du auf zwei kräftige Partner gleichzeitig. Die Säure ist hoch und frisch, ein Erbe der kühlen Nächte am Fuß der Berge. Das Tannin ist griffig, aber nicht bitter, wenn der Wein aus einem guten Jahrgang stammt und nicht zu jung getrunken wird. Beides zusammen macht Teroldego zu einem Wein, der Fett und Salz im Essen regelrecht verlangt, sonst wirkt er streng und verschlossen.
Stell daneben ein Glas Marzemino. Der Unterschied ist sofort da. Wo Teroldego dicht und dunkel ist, zeigt sich Marzemino hell, duftig, mit feinem statt kräftigem Tannin. Die Frucht erinnert an rote statt schwarze Beeren, dazu kommt ein deutlicher Veilchenton, der Mozart offenbar so gefiel, dass er ihn in eine Oper schrieb. Zwei Rote aus derselben Provinz, kaum dreißig Kilometer auseinander gewachsen, und doch könnten sie kaum unterschiedlicher schmecken.
Zähl am Ende den Abgang. Bei einem einfachen Teroldego Rotaliano hält der Geschmack fünf bis acht Sekunden, bei einer Riserva aus alten Reben oft über zwanzig. Genau diese Länge, nicht die Kraft und nicht die Farbe, unterscheidet einen guten Teroldego von einem großen. Wer sie einmal im Mund gezählt hat, sucht sie danach bei jedem Glas.