
Sand über Gletscher
Böden
Grab auf der Black Sage Bench bei Osoyoos ein Loch, und die Schaufel sinkt erstaunlich leicht ein. Kein Stein, kein Widerstand. Nur feiner, hellbrauner Sand, der zwischen den Fingern zerrinnt wie am Strand. Das ist keine Ablagerung eines Flusses, sondern eine alte Wanderdüne, vom Wind aufgeweht, lange nachdem die Gletscher verschwunden waren.
Vor gut 30.000 Jahren lag über dem ganzen Tal eine Eisdecke, teils über zwei Kilometer dick. Sie schmolz erst vor rund 13.000 Jahren endgültig ab. Sie hinterließ Geröll, Kies und feinstes Gesteinsmehl. Das sammelte sich in einem gewaltigen Schmelzwassersee, der einst den halben Talboden füllte. Als der See austrocknete, blieben feine Sand- und Schluffschichten zurück, und der Wind erledigte den Rest.
Sand hält fast kein Wasser. Was am Vormittag fällt, ist am Nachmittag schon versickert, und die Rebe muss ihre Wurzeln deshalb tief hinunterschicken, manchmal drei, vier Meter, um überhaupt an Feuchtigkeit zu kommen. Diese Anstrengung kostet Kraft, die sonst ins Wachstum ginge. Das Ergebnis sind kleinere, dickschaligere Beeren. Im Verhältnis zum Saft steckt darin mehr Farbe und mehr Tannin, der Gerbstoff, der im Mund einen pelzigen Belag hinterlässt.
Unter dem Sand der Black Sage Bench folgt eine Schicht aus feinem Schluff, abgesetzt am Grund jenes Schmelzwassersees, dichter gepackt und mit etwas mehr Wasserspeicher. Noch tiefer wartet harte Grundmoräne: ein zähes Gemisch aus Geröll und Ton, das der Gletscher selbst zusammengepresst hat und das kaum eine Wurzel durchdringt. Auf der Naramata Bench am anderen Ende des Tals sieht die Abfolge ähnlich aus, nur mit mehr verwittertem Granit im Untergrund statt reinem Sand.
Was diese Schichten gemeinsam haben, ist Nährstoffarmut: Sie zwingen die Rebe zur Konzentration statt zur Menge. Ein Weinberg auf schwerem, fettem Schwemmland am Talboden trägt oft doppelt so viel Ertrag wie einer auf der Bench darüber, schmeckt dabei aber dünner. Deshalb liegen fast alle ernsthaften Weingüter des Okanagan Valley nicht im Tal selbst, sondern erhöht auf den alten Terrassen und Dünen an seinen Rändern.
Feiner, hellbrauner Sand, vom Wind aus alten Dünen aufgeweht. Hält fast kein Wasser und lässt Regen binnen Stunden versickern.
Die Wurzel: Die Rebe treibt hier kaum Feinwurzeln, weil nichts zu holen ist. Was zurückbleibt, sind konzentrierte, dickschalige Beeren.