
An einem Eiswein
Verkosten
Bei einem Eiswein aus Osoyoos beginnt die Verkostung schon vor dem ersten Schluck, mit der Farbe im Glas. Bei einem Vidal oder Riesling leuchtet sie golden bis bernsteinfarben, viel intensiver als bei einem trockenen Weißwein desselben Jahrgangs. Der Grund ist einfach: Ohne die Verdünnung durch normalen Saft bleibt in jedem Tropfen mehr von allem, was die Traube an Farbe mitbringt. Genau das zählt.
Riech als Nächstes, und zwar vorsichtig. Die Süße kann in der Nase fast erschlagend wirken. Typisch sind Aprikose, Honig und getrocknete Ananas, bei Ehrenfelser oft auch ein Hauch Litschi. Wer genau hinriecht, findet außerdem eine feine, fast metallische Frische, die von der hohen Säure kommt und verhindert, dass der Duft nur klebrig süß wirkt.
Im Mund passiert dann das eigentliche Kunststück dieses Weins. Süße allein reicht nicht. Die Süße trifft auf eine Säure, die mindestens so kräftig ist wie die Süße selbst, und dieses Gleichgewicht entscheidet über die Qualität mehr als der reine Zuckergehalt. Fehlt die Säure, schmeckt ein Eiswein schnell wie Sirup. Ist sie da, wirkt derselbe Wein erfrischend, fast wie ein sehr süßer, sehr konzentrierter Traubensaft mit Biss.
Zeit gehört dazu. Der Abgang zieht sich außergewöhnlich lange hin, oft eine Minute oder mehr, und wechselt dabei mehrmals die Richtung: erst Frucht, dann Honig, zuletzt jene mineralische Frische, die am Ende übrig bleibt. Bei einem gewöhnlichen Wein wäre eine so lange Nachwirkung allein schon ein Zeichen von Qualität. Bei Eiswein ist sie fast schon die Regel, weil so viel Extrakt und Säure einfach lange brauchen, um zu verklingen.
Wer im selben Aufwasch einen Pinot Noir von der Naramata Bench probiert, merkt den Kontrast sofort. Dort dominieren helle Kirsche und Erde, die Säure ist präsent, aber nie süß, und der Abgang endet schon nach zehn, fünfzehn Sekunden. Zwei Weine aus demselben Tal, weniger als hundert Kilometer auseinander, und trotzdem zwei völlig verschiedene Sprachen im Glas.