
Nistru und Meer
Klima
Die Steppe südöstlich von Chișinău bekommt im Jahresmittel nur zehn bis elf Grad, doch das sagt wenig über den Sommer. Von April bis Oktober addieren sich in den Weinbergen um Ștefan Vodă gut dreitausendeinhundert bis dreitausendzweihundertfünfzig Wärmegrade. Diese Summe zeigt Winzern, ob eine Sorte hier überhaupt reif wird. Für Cabernet Sauvignon und Saperavi reicht das mühelos. Für die spätreifende Rara Neagră wird es in schwachen Jahren knapp.
Was die Zahl nicht zeigt: den Fluss. Der Nistru fließt an drei Seiten der Region entlang. Seine breiten Terrassen speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts wieder ab, ein natürlicher Ofen für die Reben am Hang. Das Schwarze Meer liegt nur achtzig Kilometer entfernt, nah genug, um die schärfsten Fröste im Winter zu brechen. Für Kühle im Sommer liegt es dagegen zu weit weg. Zwischen beiden Wasserflächen liegt ein Landstrich, der wärmer ist als der Norden Moldaus, aber nie wirklich heiß wird.
Über zweitausendzweihundertsiebzig Sonnenstunden fallen hier im Jahr an, deutlich mehr als im deutschen Weinbau üblich. Regen dagegen kommt selten: kaum vierhundert bis vierhundertfünfzig Millimeter im Jahr, ein Wert, den man sonst eher aus Südspanien kennt. Trockenheit ist deshalb das größere Problem als Fäulnis. Wurzeln müssen tief gehen, um über den Sommer zu kommen, und genau das prägt später den Geschmack der Trauben.
Drei Landschaften teilen sich die Fläche. Ebenen, sanfte Hügel und die Terrassen direkt am Fluss liegen zwischen hundertzwanzig und hundertsechzig Metern über dem Meer, und Winzer nutzen die Unterschiede zwischen ihnen gezielt aus. Auf den Terrassen ist es wärmer und trockener, auf den Hügeln kühler und luftiger. Die kräftigen roten Cuvées wie der Negru de Purcari kommen fast immer von den warmen Terrassenlagen am Nistru, während die feineren, säurebetonten Weißweine lieber oben auf dem Hügel stehen, wo die Nächte kühler bleiben.