
Steppensee als Puffer
Klima
Wer im Burgenland Wetterkarten liest, sieht selten Regen. Das pannonische Klima bringt heiße, trockene Sommer und kalte Winter, mit gerade einmal fünfhundert bis sechshundert Millimetern Niederschlag im Jahr. Das macht die Region zu einer der trockensten Weinregionen Österreichs, näher an der ungarischen Puszta als an den Alpen. Sommertage über dreißig Grad sind hier normal, nicht die Ausnahme.
Mitten in dieser Trockenheit liegt ein Gegenspieler von rund dreihundert Quadratkilometern: der Neusiedlersee. Er ist im Schnitt nur eineinhalb Meter tief. Im Sommer erwärmt er sich deshalb rasch auf über fünfundzwanzig Grad. Diese Wassermasse speichert Wärme und gibt sie langsam wieder ab. Sie mildert Fröste im Frühjahr und hält die Nächte im Herbst milder, als es die Lage eigentlich erlauben würde. Ein tiefer See würde das nicht schaffen, er wäre zu träge. Gerade die Flachheit macht den Unterschied.
Im Herbst kippt dieser Vorteil ins Gegenteil, und genau das braucht der Süßwein. Feuchte Luft vom See trifft im Seewinkel, östlich des Ufers, auf kühle Nächte und legt sich als Frühnebel über die Rebzeilen, oft bis in den späten Vormittag. Bricht danach die Sonne durch und der Nebel zieht ab, trocknen die Beeren wieder. Dieser Wechsel aus feucht und trocken lässt Botrytis cinerea genau dort wachsen, wo sie nützt: an der Beerenhaut, nicht im Fruchtfleisch darunter.
Im Westen wacht ein Gebirge. Es heißt Leithagebirge, liegt quer zum Wind und bremst kühlere Luft aus dem Wiener Becken ab. Die Weinberge am Leithaberg reifen dadurch spürbar langsamer als jene im flachen Seewinkel gegenüber, und ihre Weine wirken straffer, mit mehr Säure. Zwischen den beiden Ufern des Sees liegen so, auf wenigen Kilometern Luftlinie, zwei fast entgegengesetzte Klimate.
Tag und Nacht unterscheiden sich hier weniger stark als in Alpentälern anderer Weinbauländer, weil der See ausgleicht, wo anderswo scharfe nächtliche Kühle die Säure rettet. Blaufränkisch und Zweigelt brauchen diese Schärfe nicht im gleichen Maß; ihre Säure hält sich am Neusiedlersee auch ohne kalte Nächte, solange der Herbst nicht zu heiß ausfällt.