
Pfeffer, Säure, Länge
Verkosten
Halt ein Glas Grüner Veltliner Smaragd schräg vors Licht. Jung zeigt er ein helles Gelbgrün, fast wie unreife Stachelbeeren, mit einem Hauch Silber am Rand. Nach zehn Jahren im Keller verschiebt sich diese Farbe zu einem satten Gold, manchmal mit einem Schimmer ins Bernsteinfarbene. Dass Veltliner überhaupt so lange durchhält, überrascht viele, die ihn nur jung aus dem Supermarktregal kennen. Zeit verändert vieles.
Jung dominiert in der Nase fast immer derselbe Ton: weißer Pfeffer, manchmal begleitet von grünem Apfel und einer leicht rauchigen Note. Mit den Jahren tritt der Pfeffer zurück, und an seine Stelle rücken Honig, geröstete Nüsse und, bei Weinen von steilen Gneisterrassen, ein Hauch von warmem Stein nach einem Sommertag. Beides gehört dazu. Wer zweimal riecht — einmal ruhig, einmal nach dem Schwenken — bekommt beide Seiten zu fassen, die junge und die reife, fast gleichzeitig.
Im Mund fällt zuerst die Säure auf, seitlich an der Zunge, kräftig und geradlinig, ohne dabei hart zu wirken. Genau dieses Gerüst trägt den Wein über Jahrzehnte, denn Säure ist das Einzige, was sich im Lauf der Reifung kaum abbaut. Nichts überdeckt sie. Dazu kommt bei Weinen von den steilsten Rieden oft ein leicht salziger Eindruck im Abgang, den viele Verkoster mit den kargen Böden der Terrassen in Verbindung bringen. Nicht jeder schmeckt das gleich.
Am eindrücklichsten lernt man die Wachau, wenn man alle drei Stufen nacheinander verkostet. Ein Steinfeder wirkt leicht und geradeheraus, fast wie ein kühler Sommertag im Glas. Ein Federspiel liegt genau in der Mitte, ausbalanciert zwischen Frucht und Struktur. Beide haben ihren Platz. Ein Smaragd schließlich zeigt, wie viel Kraft und Tiefe eine späte Ernte an einem Steilhang erreichen kann, ohne dabei süß zu schmecken — er bleibt trocken bis zum letzten Tropfen.