
Zwanzig Meter Löss
Böden
Grab am Wagram ein Loch, und du gräbst dich durch die letzte Eiszeit. Schon nach der dünnen Humusschicht beginnt eine gelbbraune, feinkörnige Masse, die sich zwischen den Fingern anfühlt wie Mehl. Das ist Löss: Staub, den der Wind am Ende der letzten Kaltzeit von den trockengefallenen Ufern eines zurückweichenden Urmeeres aufwirbelte und hier ablagerte.
Am Wagram wurde daraus eine der mächtigsten Lössdecken Europas. An manchen Stellen der Terrassenkante misst sie bis zu zwanzig Meter. Neun von zehn Weinbergen im Gebiet stehen komplett auf diesem Material. Darunter liegt hartes Gestein aus Sand und Schotter, aber die wenigsten Wurzeln erreichen es überhaupt. Sie haben im Löss selbst schon alles, was sie brauchen, und zwar reichlich.
Löss speichert Wasser gut, ohne die Rebe zu ersticken, weil er trotz seiner Feinheit locker gepackt bleibt. Winzige Kalkbröckchen, sogenannte Lösskindl, durchziehen die Schicht und geben stetig Kalzium ab. Dazu findet man fossile Schneckenhäuser, manchmal zu Tausenden auf engem Raum, ein Überbleibsel längst verschwundener feuchter Steppen. Beides zusammen macht den Boden basisch, was die Säure im Wein sanft hält, statt sie hart wirken zu lassen.
Diese Fruchtbarkeit hat aber auch eine Kehrseite. Weil der Löss so viele Nährstoffe hergibt, treibt eine Rebe darauf gerne üppig, mit viel Laub und großen Trauben, wenn man sie lässt. Ertrag und Konzentration stehen sich hier direkter gegenüber als auf kargerem Fels. Ein guter Winzer am Wagram arbeitet deshalb aktiv gegen den Boden, mit weniger Dünger, engeren Reihen und in guten Lagen bewusst reduzierten Erträgen, damit aus der Fülle des Bodens noch ein dichter Wein wird.
Tiefer im Profil verändert sich das Bild. Nach zwei, drei Metern verliert der Löss seinen Kalk, den frühere Regenperioden längst ausgewaschen haben, und wird rötlicher und lehmiger. Diese alte, verwitterte Schicht speichert noch mehr Wasser als die Schicht darüber. Wichtig wird sie erst in trockenen Sommern, wenn oben längst alles verbraucht ist.
Dünne, dunkel gefärbte Auflage aus Humus und dem obersten, jährlich bearbeiteten Löss.
Die Wurzel: Hier liegen die Feinwurzeln. Sie reagieren als Erste auf Regen und sind auch als Erste wieder trocken.