
Groß für Reife
Gläser
Grüner Veltliner vom Wagram braucht ein anderes Glas als sein pfeffriger Verwandter aus dem Kamptal oder der Wachau. Die pannonische Wärme und der wärmespeichernde Löss lassen die Trauben hier reifer werden. Pfeffernoten treten in den Hintergrund, während reifes Steinobst und ein Hauch Honigmelone nach vorn rücken. Ein zu enges, hohes Glas bündelt genau jene scharfen Spitzen, die dieser Wein kaum hat, und lässt ihn eng wirken. Besser passt eine mittelgroße, bauchige Tulpe mit weiter Öffnung, die den warmen Fruchtnoten Raum zum Ausbreiten gibt.
Beim Roten Veltliner kehrt sich die Logik um. Diese Sorte bringt von Natur aus mehr Farbe, mehr Extrakt und eine nussige, an reifen Apfel und Quitte erinnernde Seite mit. Ihre volle Tiefe zeigt sich erst nach einigen Minuten im Glas. Das braucht Zeit. Ein Glas mit großem Bauch und viel Luftkontakt zur Oberfläche hilft dabei enorm. Genau wie bei einem gereiften weißen Burgunder braucht dieser Wein Sauerstoff, um seine an Nüsse erinnernde Seite zu entfalten, statt sie hinter Frische zu verstecken.
Beide Weine teilen sich trotzdem eine Regel: die Temperatur. Zu kalt serviert, bei elf oder zwölf Grad, verschließen sich sowohl Grüner als auch Roter Veltliner vom Wagram fast vollständig, weil Kälte gerade die reifen, wärmegetragenen Aromen zuerst betäubt. Kälte tötet Aroma. Zehn Minuten vor dem Einschenken aus dem Kühlschrank geholt und bei knapp vierzehn Grad serviert, zeigen beide plötzlich, wofür die Lössterrasse eigentlich steht. Fülle statt Schärfe.
Ein drittes Glas gehört in die Region, auch wenn es seltener zum Einsatz kommt. Riesling vom Wagram, meist von den wärmsten Randlagen der Terrasse, verlangt nach einem schlankeren Kelch, der die Säure bündelt statt sie zu verwässern. Das ist ein Erbe seiner kühleren Verwandtschaft aus der Wachau, die hier nur in kleiner Menge überlebt hat.