
Löss über Flysch
Böden
Grab am Nussberg ein Loch. Zuerst triffst du auf Staub. Feiner, gelblicher Löss bedeckt die Hänge im Nordwesten Wiens in oft meterdicken Schichten — Windstaub aus der letzten Eiszeit, den der Wind über zehntausende Jahre aus der Ebene herangetragen und über dem Gestein abgelagert hat.
Erst darunter kommt das eigentliche Fundament. Am Nussberg und Kahlenberg besteht das Gestein aus Flysch, einer Wechselfolge von Sandstein, Mergel und Tonstein. Zwei Welten übereinander. Der Flysch entstand als Meeresboden vor etwa siebzig bis sechzig Millionen Jahren und bildet heute den nordöstlichsten Ausläufer der Alpen. Die Rebwurzel arbeitet sich durch beide hindurch: erst durch den lockeren, nährstoffarmen Löss, dann durch das feste, wasserspeichernde Gestein darunter.
Nicht jede Wiener Lage sieht so aus. Am Bisamberg, nördlich der Donau, liegt derselbe Flysch unter noch dickeren Lössdecken, manchmal mehrere Meter tief. Im Süden dagegen, bei Mauer und Oberlaa, dominiert ein völlig anderer Untergrund: sandig-schottrige Ablagerungen, teils zu Konglomerat verbacken. Flüsse und Schuttströme aus dem Wienerwald schwemmten sie vor rund sechzehn bis zwölf Millionen Jahren an den Rand eines Urmeeres.
Diese Unterschiede schmeckt man. Niemand sollte aber behaupten, die Rebe nehme Gestein direkt in den Wein auf — das tut sie nicht. Was der Boden wirklich tut, ist Wasser und Wärme zu verwalten: Löss hält Feuchtigkeit gut und gibt sie langsam wieder ab, während der Flysch darunter noch in trockenen Sommern etwas davon zurückhält. Auf dem lockeren Schotter im Süden dagegen erwärmt sich der Boden schneller, und die Trauben reifen dort früher als am kühleren Nussberg.
Für den Gemischten Satz ist diese Vielfalt kein Nachteil. Weil mehrere Rebsorten im selben Weingarten stehen, gleichen sie kleine Unterschiede im Boden untereinander aus. Die eine Sorte kommt mit dem trockenen Löss besser zurecht, die andere mit dem festeren Untergrund darunter. So bleibt der Wein Jahr für Jahr im Kern derselbe, obwohl jede einzelne Rebe etwas anderes unter sich hat.
Feiner Lössstaub, von Regenwürmern und verrottetem Grün zu dunklem Ackerboden verarbeitet. Am Nussberg oft eine Handbreit dick, stellenweise mehr.
Die Wurzel: Hier sitzen die Feinwurzeln, die nach jedem Regen zugreifen — der Boden trocknet danach aber schnell wieder aus.