
Akkord im Glas
Gläser
Ein Gemischter Satz ist im Glas kein einzelner Ton. Er ist ein Akkord aus drei, manchmal vier Rebsorten gleichzeitig. Ein Glas, das nur eine Sorte betonen würde, verzerrt genau das, was diesen Wiener Wein ausmacht. Gesucht ist also kein Spezialglas für den Grünen Veltliner vom Nussberg oder den Riesling vom Kahlenberg, sondern eines, das mehrere Stimmen gleich laut sprechen lässt.
Ein mittelgroßer, leicht tulpenförmiger Weißweinkelch schafft das am besten. Die Wölbung gibt dem Wein genug Fläche, damit sich alle Aromen lösen können. Die leicht enger werdende Öffnung bündelt sie wieder, bevor sie sich in der Raumluft verlieren. Ein zu enges Glas dagegen sperrt einzelne Noten wie den würzigen Pfeffer des Grünen Veltliners ein und lässt nur die lauteste Sorte durch.
Bei der Temperatur zahlt sich Zurückhaltung aus. Acht bis zehn Grad passen für einen jungen, unkomplizierten Gemischten Satz aus der Basisstufe — kälter als bei einem schweren Weißburgunder, wärmer als bei einem Sekt. Ein Ortswein oder Riedenwein mit Herkunftsangabe verträgt ein, zwei Grad mehr, weil in ihm mehr Struktur steckt, die sich bei zu großer Kälte gar nicht erst zeigt.
Traditionell war das am Heurigen egal. Dort kam der Wein im einfachen, dickwandigen Achtel- oder Viertelglas auf den Tisch, ohne Stiel, aus der Karaffe vom Buffet geschenkt. Praktisch für einen Ort, an dem man stundenlang im Gastgarten sitzt — der Wein selbst zeigt sich darin aber nicht von seiner besten Seite. Heute stehen an vielen Wiener Heurigen längst richtige Stielgläser neben den alten Vierteln.
Eingeschenkt wird trotzdem sparsam. Ein Weißweinglas wird bis zur breitesten Stelle gefüllt, das sind rund hundertzwanzig Milliliter. Der Rest bleibt frei für den Duft. Bei einem Wein, der aus mehreren Sorten besteht, ist dieser freie Raum besonders wichtig — erst darin sortieren sich die einzelnen Noten, bevor die Nase sie als Ganzes wahrnimmt.