
Legionen bis Heuriger
Region & Geschichte
Der Legende nach ließ Kaiser Probus im dritten Jahrhundert seine Legionen in der Provinz Pannonien Reben pflanzen, damit die Soldaten am Rand des Reiches nicht auf Wein verzichten mussten. Belegen lässt sich das nicht. Sicher belegt ist nur eines: Als sich im zwölften Jahrhundert die ersten Urkunden über Weingärten rund um die Stadt häufen, steht der Anbau bereits fest verwurzelt da.
Zwei Mächte trieben ihn danach voran. 1114 legte Markgraf Leopold III. den Grundstein für das Stift Klosterneuburg, und schon bei der Kirchweihe 1136 floss Wein aus dem eigenen Weingarten. Das Kloster wuchs zu einem der größten Grundbesitzer der Gegend heran, mit Rieden in Kahlenbergerdorf, Nussdorf, Heiligenstadt, Grinzing und Sievering. 1155 verlegte der Babenberger Heinrich II., genannt Jasomirgott, seine Residenz nach Wien, ein Jahr bevor das Privilegium Minus die Mark Österreich zum eigenständigen Herzogtum erhob. Die Reben wuchsen mit der Stadt mit.
Lange war Weinbau in Wien einfach Landwirtschaft, ohne besonderen Namen. Das änderte sich im August 1784, als Kaiser Joseph der Zweite eine Zirkularverordnung erließ: Jeder durfte fortan die selbst erzeugten Lebensmittel, Wein und Most eingeschlossen, zu jeder Zeit und zu jedem Preis verkaufen, ohne eine Konzession dafür zu brauchen. Aus diesem einen Satz wurde der Buschenschank. Und weil man darin vor allem den Wein des jüngsten, des „heurigen“ Jahrgangs ausschenkte, wurde daraus der Heuriger.
1878 gaben die Brüder Schrammel der Sache noch einen Klang. Ihr Streichquartett spielte zum ersten Mal in den Vorstadtheurigen auf, und die Schrammelmusik, die daraus entstand, hängt bis heute über den Gastgärten von Grinzing und Nussdorf. Im zwanzigsten Jahrhundert fraß sich die wachsende Stadt in viele alte Weingärten hinein. Aus Rebflächen in Wieden und Landstraße wurden Häuserblöcke. Übrig blieb vor allem der Hügelkranz im Nordwesten und Süden.
Diesen Rest hat Wien 2013 geschützt. Mit der DAC-Verordnung für den Wiener Gemischten Satz bekam die Stadt eine eigene, geschützte Herkunftsbezeichnung — die einzige weltweit, die für einen gemischten Feldsatz gilt statt für eine einzelne Rebsorte. Heute wachsen auf rund siebenhundert Hektar innerhalb der Stadtgrenzen wieder Reben, bewirtschaftet von rund vierhundert Betrieben. Keine andere Millionenstadt der Welt kann das von sich behaupten.