
Handel übers Meer
Region & Geschichte
Als portugiesische Seefahrer die Insel um 1420 entdeckten, war sie über weite Strecken von dichtem Lorbeerwald bedeckt. Madeira heißt im Portugiesischen schlicht Holz. Heinrich der Seefahrer ließ diesen Wald roden und pflanzte Zuckerrohr und Reben, die er sich eigens von der griechischen Insel Kreta bringen ließ: die Malvasia. Schon 1455 lobte der venezianische Seefahrer Alvise Cadamosto bei seinem Besuch der Insel vor allem diese eine Rebe.
Ein Jahrhundert später öffnete eine Hochzeit den Markt, den bis heute jeder Madeira-Trinker kennt. Katharina von Braganza heiratete 1662 den englischen König Karl II., und Madeira-Wein bekam dabei ein Sonderrecht. Anders als sonst jede europäische Ware durfte er direkt und ohne Umweg über einen britischen Hafen in die englischen Kolonien verschifft werden. Amerikanische Kolonisten konnten die Insel unmittelbar anlaufen. Madeira wurde zum Getränk der Gründerväter. Der Überlieferung nach stießen die Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 mit genau diesem Wein an, und George Washington bestellte ihn fassweise für seine Offiziere.
Der eigentliche Charakter des Weins entstand jedoch eher zufällig, auf hoher See. Fässer, die als Ballast mit auf lange Handelsfahrten nach Indien oder Brasilien gingen, kamen manchmal unverkauft zurück. Sie schmeckten nach Wochen in der Tropenhitze besser als vorher. Reeder schickten Weinfässer daraufhin absichtlich auf solche Rundreisen, genannt vinho da roda, wörtlich Rundreise-Wein, bis der Aufwand zu teuer wurde. 1794 fand der Funchaler Arzt Pantaleão Fernandes eine schnellere Lösung: Er ließ den Wein in beheizten Kammern künstlich auf Reisetemperatur bringen, eine Technik namens Estufagem, die bis heute in Gebrauch ist.
Die Blüte des Handels endete abrupt. Ab 1852 zerstörte der Mehltau Oidium tuckeri innerhalb weniger Jahre rund neunzig Prozent aller Rebstöcke der Insel. Kaum hatten sich die Winzer erholt, kam in den 1870er-Jahren die Reblaus hinterher. Von siebzig britischen Handelshäusern, die 1850 noch aktiv gewesen waren, blieb nur eine Handvoll übrig. Beim Wiederaufbau griffen die Bauern zu einer robusten, ertragreichen Rebe namens Tinta Negra, die seither den größten Teil der Weinberge bedeckt. Heute wacht die Aufsichtsbehörde IVBAM, das Institut für Wein, Stickerei und Kunsthandwerk der Madeira, über Herkunft und Qualität.