
Trocken bis süß
Verkosten
Am besten verkostet man Madeira als Reihe von vier Gläsern: erst Sercial, dann Verdelho, dann Boal, zuletzt Malvasia. So durchläuft man in wenigen Minuten die ganze Bandbreite der Insel, von messerscharf trocken bis dickflüssig süß. Dabei merkt man, wie viel eine einzige Rebsorte an Süße verschieben kann.
Schon die Farbe verrät die Reihenfolge: Ein junger Sercial schimmert hell bernsteinfarben, fast wie starker Tee. Ein alter Malvasia dagegen fließt tief mahagonibraun ins Glas, fast schwarz am Rand. Zwischen beiden liegt jede erdenkliche Abstufung von Gold und Kupfer, und die Farbe hängt hier stärker vom Alter im Fass ab als bei fast jedem anderen Wein der Welt.
In der Nase folgt fast immer dasselbe Grundgerüst: geröstete Walnuss, Karamell, getrocknete Feige, dazu eine Spur Orangenschale, die selbst im süßesten Malvasia noch durchscheint. Das kommt von der Estufagem und der langen Fassreife. Nicht von der Traube allein. Ein Wein, der absichtlich Jahre an Hitze und Sauerstoff ausgesetzt war, riecht nach nichts anderem.
Was einen guten Madeira trägt, ist seine Säure. Eigentlich zerstört Hitze einen Wein, weil sie genau diese Säure abbaut. Bei Madeira passiert seltsamerweise das Gegenteil. Die Trauben von hoch gelegenen, kühlen Hängen bringen von Natur aus so viel Säure mit, dass selbst Jahrzehnte im warmen Fass sie nicht vollständig auflösen können. Diese Säure hält den Zucker im Malvasia im Gleichgewicht, statt ihn klebrig wirken zu lassen. Sie sorgt außerdem für einen Abgang, der bei alten Frasqueiras leicht eine Minute dauert.