
Copita & Kelch
Gläser
Ein Glas für Setúbal zu wählen heißt, sich zuerst zwischen zwei ganz verschiedenen Weinen zu entscheiden. Der goldene Moscatel de Setúbal und der kräftige, tanninreiche Castelão aus Palmela verlangen fast das Gegenteil voneinander. Wer beide aus demselben Glas trinkt, schmeckt keinen von beiden richtig.
Für den Moscatel reicht wenig Glas. Eine kleine, nach oben verjüngte Copita, wie man sie auch für Sherry nimmt, konzentriert den Duft aus Orangenblüte, Rosine und Honig, statt ihn im Raum zu verteilen. Bei einem Wein mit sechzehn bis zweiundzwanzig Volumenprozent Alkohol wäre ein großes Glas nur verschwendete Luft über zu wenig Flüssigkeit. Eingeschenkt werden vier bis fünf Zentiliter, nicht mehr.
Ältere Jahrgänge brauchen trotzdem etwas mehr Platz als junge. Ein zwanzig Jahre alter Moscatel hat Röst- und Karamellnoten entwickelt, die sich erst nach einigem Schwenken im Glas öffnen. Wird er zu eng eingeschenkt, wirkt er flach statt vielschichtig. Ein junger Fünf-Jahre-Moscatel dagegen zeigt seine Frucht sofort, auch ohne viel Luftraum.
Der Castelão will das Gegenteil. Er braucht einen Kelch mit weitem Bauch, wie man ihn für kräftige Rotweine nimmt, damit Tannin und Frucht überhaupt Platz zum Atmen finden. Serviert wird er bei sechzehn bis achtzehn Grad, deutlich kühler, als die meisten Menschen Rotwein trinken. Bei Zimmertemperatur wirkt sein Alkohol vorlaut, und die reife Frucht der Palmela-Sandböden geht unter.
Beim Moscatel gilt dagegen: kühler ist nicht automatisch besser. Zehn bis zwölf Grad reichen für junge Jahrgänge. Ein alter Moscatel mit vierzig Jahren im Fass verträgt aber ein paar Grad mehr, sonst verschließt sich genau das, wofür man ihn öffnet: die gereiften, nussigen Aromen, die man rancio nennt.