
Tello bis Salenegg
Region & Geschichte
Ein Bischofstestament aus dem Jahr 765 nennt einen Weinberg bei Ilanz. Tello, Bischof von Chur, vermachte ihn kurz vor seinem Tod dem Kloster Disentis. Dieses knappe Dokument ist die älteste schriftliche Erwähnung von Wein in der ganzen Schweiz. Gepflanzt wurde also lange vor den heutigen Kantonsgrenzen, in einem Bündner Tal, das heute kaum noch als Weinland gilt.
Wein aus dieser frühen Zeit war weiß, meist aus der robusten, aber wenig aufregenden Sorte Elbling. Das änderte sich erst um 1630, aus einem denkbar unweinbaulichen Grund. Junge Bündner kehrten aus dem Solddienst in Burgund zurück und brachten Stecklinge einer roten Sorte mit, die sie dort trinken gelernt hatten. Daraus wurde der Blauburgunder, der heute über zwei Drittel aller Reben der Deutschschweiz stellt — ein Mitbringsel, das zur wichtigsten Rebsorte einer ganzen Landesregion aufstieg.
Weiter nördlich, in Maienfeld, steht seit 1068 Wein auf demselben Fleck Erde. Ein Prior aus dem Kloster Pfäfers legte dort den ersten Rebberg an. Schloss Salenegg gilt deshalb als das älteste durchgehend bewirtschaftete Weingut Europas. Seit 1654 gehört es derselben Familie, der von Gugelberg, und bis heute stehen dort elf Hektar Reben. Kein Museum. Ein Betrieb, der jeden Herbst noch liest, mitten in der Bündner Herrschaft.
Am Zürichsee erreichte der Rebbau in den 1880er-Jahren seine größte Ausdehnung, fast zweitausend Hektar an beiden Ufern. Dazu trugen Dörfer wie Stäfa und Erlenbach bei, von der Stadt Zürich bis nach Rapperswil. Dann kam der Einbruch, und er kam schnell. Amerikanischer Mehltau befiel die Blätter, zwei Fröste hintereinander vernichteten die Ernte, und billiger, chemisch nachgemachter „Kunstwein“ drückte die Preise in den Keller. Innerhalb weniger Jahrzehnte schrumpfte die Fläche auf einen Bruchteil — und mit ihr beinahe die alte Sorte Räuschling, die hier einmal die Hälfte aller Reben stellte.
Übrig blieb ein zersplittertes Weinland. Siebzehn Kantone zählen heute zur Weinregion Deutschschweiz, von Basel bis ins Bündnerland, mit knapp dreitausend Winzerinnen und Winzern auf rund 2660 Hektar. Jeder Kanton regelt sein Weinrecht bis heute für sich allein. Neun von ihnen, darunter Schaffhausen, Graubünden und Thurgau, erlauben sogar, einem als AOC deklarierten Wein noch Traubenmost zuzusetzen, um ihn süßer zu machen. In der Romandie ist das längst verboten, hier bleibt es Gesetz.