
Allobroger bis AOC
Region & Geschichte
Am äußersten Rand ihres Gebiets, dort wo die Rhone aus dem See herausfließt, unterhielten die Allobroger eine befestigte Siedlung: Genava. Julius Cäsar kannte den Ort aus eigener Anschauung. 58 vor Christus ließ er dort die Brücke über den Fluss abreißen, um die auswandernden Helvetier aufzuhalten. Dieser eine Satz aus seinem Kriegsbericht brachte Genf zum ersten Mal in die Weltliteratur. Die Allobroger bauten längst selbst Wein an. Plinius der Ältere lobte ihre Rebsorte in Rom. Sie reifte früh und überstand sogar einen rauen Bergwinter, eine Eigenschaft, für die man im warmen Süden Italiens wenig Verwendung hatte.
Im achtzehnten Jahrhundert erreichte der Weinbau seinen bisherigen Höhepunkt. Mehr als zweitausend Hektar Reben bedeckten die Hügel rund um die Stadt. Dann kam die Eisenbahn und mit ihr billiger französischer Wein. Noch vor Ende des Jahrhunderts kam die Reblaus dazu und kostete den Reben mehr als die Hälfte ihrer Fläche. Gerettet wurde der Weinberg durch veredelte Reben auf amerikanischen Unterlagen, gegen die der Schädling nichts ausrichten konnte. Die eigentliche Wende kam trotzdem erst hundert Jahre später, nach einer neuen Krise.
Neu war das Problem nicht. Nach zu großen Ernten 1982 und 1983 brachen die Preise ein, und die Fässer stauten sich in den Kellern der ganzen Schweiz. Genf zog daraus einen radikalen Schluss. Als erster Kanton des Landes regelte es 1988 per Gesetz, was eine Appellation d'origine contrôlée bedeutet. Dazu gehören feste Grenzen, eine Mindestreife der Trauben und eine jährliche Blindverkostung, die jeder Jahrgang neu bestehen muss. Gleichzeitig rissen viele Betriebe altes Chasselas heraus. An seine Stelle traten Gamaret und Garanoir, zwei Kreuzungen aus Gamay und Reichensteiner, die 1970 in der Forschungsstation Pully gezüchtet wurden und ab 1990 im Handel waren, ausgerechnet in Genf mit dem größten Erfolg.
Heute ist Genf der drittgrößte Weinkanton der Schweiz, mit rund 1355 Hektar Reben. Sie verteilen sich auf das Mandement rechts der Rhône, auf Entre Arve et Lac und auf Entre Arve et Rhône im Süden. Satigny allein bewirtschaftet mehr Rebfläche als jede andere Gemeinde des Landes. Auch der alte Name Perlan für den Genfer Chasselas hat sein eigenes Auf und Ab hinter sich. In den Neunzigerjahren ging er mit der Pleite der Genossenschaft Vin-Union unter, die den Ruf des Weins mit billiger Massenware ruiniert hatte. Seit den Zehnerjahren steht er wieder auf dem Etikett, wenn ein Winzer wie Daniel Brenner ihn dafür beansprucht. Er meint heute etwas ganz anderes, einen stillen, hellen Wein, der manchmal mit einem feinen, namensgebenden Perlen im Mund ankommt. Ganz verschwunden ist er nie.