Region & Geschichte in der Region Kanaren

Guanchen, Zucker, Lava

Region & Geschichte

Lange bevor hier ein Europäer eine Rebe pflanzte, lebten auf den Inseln die Guanchen. Wein kannten sie nicht. Das änderte sich erst mit der kastilischen Eroberung. Sie endete 1496, als sich die letzten Fürsten Teneriffas dem Feldherrn Alonso Fernández de Lugo ergaben — La Palma war schon 1493 gefallen. Die neuen Herren pflanzten zunächst Zuckerrohr. Erst als billigerer Rohrzucker aus Übersee den kanarischen verdrängte, wich das Zuckerrohr der Rebe, und binnen weniger Jahrzehnte wurde Wein zum wichtigsten Exportgut der Inseln.

Süß, kräftig und für die lange Seereise mit Branntwein haltbar gemacht: So verschifften Händler den neuen Exportwein, die Malvasía, nach England, wo man ihn Canary Sack nannte. Am englischen Hof wurde er zum Statussymbol. Sogar Shakespeare ließ seine Figuren danach rufen: In Was ihr wollt verlangt der versoffene Sir Toby Belch nach einem cup of canary, einem Becher Kanarenwein. Im späten sechzehnten Jahrhundert gingen fast fünfundachtzig Prozent der Produktion Teneriffas an englische Häfen.

1665 gründete England sogar eine eigene Handelsgesellschaft dafür, die Canary Company. 1681 verließen mehr als viereinhalb Millionen Flaschen die Inseln, die meisten aus Teneriffa. Der Aufstieg war so schnell wie später der Fall. Als englische Händler im achtzehnten Jahrhundert billigeren Madeira vorzogen, verlor der Kanarenwein sein wichtigstes Standbein, und viele Weinberge fielen brach.

Was den Weinbergen bis heute fehlt, ist die Reblaus, die ab 1863 den Rest Europas verwüstete. Eine Seltenheit in ganz Europa. Die Inseln liegen fernab der Handelswege, über die der Schädling reiste, und ihr vulkanischer Boden aus lockerer Asche bietet ihm kaum Halt. Deshalb wurzeln viele Reben bis heute in ihrem eigenen, unveredelten Holz, pie franco genannt, manche Stöcke über hundert Jahre alt.

Der Vulkan ist hier kein Kapitel aus der Vergangenheit, sondern ein Nachbar. 2021 begrub der Ausbruch des Tajogaite auf La Palma rund 370 Hektar Kulturland unter Lava, Bananenfelder und Weinberge gleichermaßen. Trotzdem wird auf sieben Inseln weiter Wein gemacht, heute unter elf Herkunftsbezeichnungen: zehn für einzelne Inseln, dazu seit 2011 die gemeinsame Denominación de Origen Islas Canarias.

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