
Könige, Klöster, Reblaus
Region & Geschichte
Im Tal des Ebro gruben Archäologen Kelteranlagen aus, die schon die Römer nutzten. Funde in Funes, Arellano und Cascante zeigen: Zwischen dem ersten und dem fünften Jahrhundert entstand hier Wein nach industriellen Maßstäben, nicht im Hinterhof. Wein war hier von Anfang an ein Geschäft.
Dann kam der Jakobsweg. Er zog sich quer durch Navarra bis vor die Tore Pamplonas, und beidseitig standen Reben. In den Herbergen fehlte nie ein Krug Wein für die Pilger. Klöster wie Irache waren mehr als Gebetsstätten: Sie betrieben eigene Weinberge und lehrten Landwirtschaft. Am meisten veränderte die Rebenlandschaft ein König mit fremdem Titel: Teobaldo I. herrschte von 1234 bis 1253 über Navarra und die Champagne und brachte burgundische Sorten wie Chardonnay und Pinot Noir mit. Sein Wein hieß damals vermeyllo oder clarete, halb rot, halb hell. Dieser helle Rotwein gilt als Urahn des heutigen Rosado.
Das neunzehnte Jahrhundert brachte zuerst Wachstum, dann eine Katastrophe. Als Mehltau und Reblaus ab den 1850er-Jahren die Weinberge Frankreichs vernichteten, kauften französische Händler in Navarra ein, was sie konnten, und die Rebfläche wuchs so stark wie nie zuvor. 1885 erreichte der Mehltau auch die navarrischen Weinberge. 1892 folgte, unaufhaltsam, die Reblaus. Von fünfzigtausend Hektar blieben am Ende kaum fünfzehnhundert übrig.
1912 trafen sich Winzer in Pamplona zum Kongress für Weinbau, und was sie vorfanden, war ernüchternd: Mehr als achtzig einheimische Rebsorten waren verschwunden. Neu gepflanzt wurde von da an vor allem eine einzige, robuste Sorte. Garnacha verzieh Trockenheit, magere Böden und schlechte Pflege, und aus ihr entstand über das Sangrado-Verfahren jener helle, kräftig gefärbte Rosado, für den Navarra bald berühmt wurde. Erst 1933 erkannte das Weingesetz die Denominación de Origen Navarra an; ihr Consejo Regulador folgte 1958.
1981 eröffnete in Olite die EVENA, eine Forschungsstation, die half, internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon und Chardonnay zu testen, ohne die eigene Garnacha aufzugeben. Ab den Achtzigern kam der Wandel in Fahrt. Rosado allein reichte den Bodegas nicht mehr. Wie sehr der Jakobsweg mitspielt, zeigt eine Bodega bei Estella: Seit 1991 lässt Irache aus einem zweiten Hahn kostenlos jungen Rotwein laufen, hundert Liter am Tag, für jeden Pilger.