Verkosten in der Region Rueda

An einem Verdejo

Verkosten

Halt ein Glas Verdejo gegen etwas Helles und schau auf die Farbe. Strohgelb, mit einem grünlichen Schimmer am Rand: So zeigt sich ein junger Wein, fast wie unreife Limette, bevor ihn ein paar Jahre im Fass langsam Richtung Gold verschieben. Blass zu sein hat mit Reife nichts zu tun. Es ist einfach die Art, wie diese Traube aussieht, ganz gleich, wie gut der Jahrgang war.

Riech dann zweimal, mit klarer Pause dazwischen. Im ruhigen Glas kommen zuerst die leichten Moleküle nach oben, bei Verdejo meist Zitrus und weißer Pfirsich. Erst nach dem Schwenken steigt der Fenchel auf. Dazu kommt frisch gemähtes Gras, manchmal ein Hauch Ananas. Wer diese Kombination aus Fenchel und Zitrus einmal bewusst gerochen hat, erkennt Verdejo danach in jedem Glas wieder, egal von welchem Gut die Flasche stammt.

Im Mund folgt eine Überraschung. Viele sind darauf nicht vorbereitet. Ein leicht bitterer Nachklang, ähnlich wie bei einer Grapefruitschale, wischt den Gaumen sauber, statt ihn zu stören. Das ist kein Fehler im Wein, sondern ein Kennzeichen der Sorte, und es macht Verdejo zu einem der wenigen Weißweine, bei denen Bitterkeit als Qualitätsmerkmal gilt statt als Warnsignal.

Achte außerdem auf das Gewicht auf der Zunge. Ein reiner Stahltankwein wirkt schlank und geradlinig. Ein Gran Vino de Rueda aus dreißig Jahre alten Reben dagegen wirkt deutlich dichter, mit spürbar mehr Länge im Abgang. Das ist der Unterschied zwischen einer Rebe, die auf Menge steht, und einer, die seit Jahrzehnten kämpfen musste, um überhaupt Wasser zu finden.

Zum Schluss zähl mit, wie lange der Geschmack nach dem Schlucken bleibt. Zwei Sekunden sind wenig. Fünfzehn schon viel, für einen jungen Weißwein. Diese Länge lässt sich im Keller kaum herstellen, sie kommt fast ausschließlich aus alten Reben und knappem Ertrag. Genau deshalb steht sie am Ende jeder ernsthaften Verkostung, gleich nach der Frage, ob der Wein überhaupt frisch genug war, um sie zu erreichen.

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