
Sauvignon trifft Muscat
Verkosten
Stell dir zwei Gläser nebeneinander vor. Das eine ist hellgrün-gelb und klar wie Wasser, das andere von einem tiefen Bernstein, fast wie flüssiger Honig. Beide stammen aus Constantia, und schon die Farbe verrät den Grundunterschied — hier trocken und frisch, dort intensiv und süß.
Der Sauvignon Blanc riecht zuerst grün: schwarze Johannisbeerblätter, manchmal ein Hauch Stachelbeere. Dazu kommt eine steinige, fast salzige Note, die viele Verkoster dem tonreichen Granitboden zuschreiben. Im Mund schneidet eine straffe Säure quer über die Zunge, und der Abgang bleibt eher kurz und knackig als lang und schwer. Das ist kein Wein, der sich Zeit lässt.
Vin de Constance dagegen braucht Geduld. In der Nase kommen getrocknete Aprikose, Orangenmarmelade und ein Hauch Orangenblüte, dazu oft Honig und eine leicht würzige Note vom Eichenfass. Trotz all dieser Süße bleibt der Wein nie klebrig, weil eine kräftige Säure darunterläuft, dieselbe Säure, die auch im trockenen Wein aus derselben Rebe steckt. Sie verhindert, dass die Konzentration den Gaumen erschlägt.
Genau in diesem Gegensatz zwischen völlig trocken und sehr lieblich zeigt sich, wie breit das Spektrum in einem einzigen kleinen Tal sein kann. Wer nur den Sauvignon Blanc kennt, unterschätzt, wie konzentriert Muscat de Frontignan werden kann, wenn man ihn wochenlang am Stock hängen lässt. Wer nur den Süßwein kennt, übersieht wiederum, wie kühl und straff die trockenen Weißweine daneben schmecken.
Zähl am Ende die Sekunden nach dem Schlucken. Beim Sauvignon Blanc sind es selten mehr als fünf oder sechs, frisch und vorbei. Beim Vin de Constance dagegen kann der Nachgeschmack aus Aprikose und Honig eine ganze Minute im Mund bleiben. Das zeigt, wie viel konzentrierter ein am Stock getrockneter Traubensaft am Ende ist.