
Getränk der Götter
Ägypten und Mesopotamien
Während in Mesopotamien meist Bier aus Gerste floss, tranken Ägyptens Pharaonen Wein aus dem Nildelta. Grabmalereien zeigen Weinlese, Kelterung und Abfüllung bis ins Detail. Wein war dort ein Luxusgut für die Oberschicht und eine Opfergabe für die Götter, kein Alltagsgetränk für alle.
Warum Mesopotamien beim Bier blieb
Im heißen, trockenen Süden des Zweistromlands wuchs die Weinrebe nur schwer. Die Sumerer griffen deshalb vor allem zu Bier aus Gerste, das aus dem reichlich vorhandenen Getreide leicht herzustellen war. Nach manchen Schätzungen floss ein erheblicher Teil der jährlichen Getreideernte direkt in die Bierproduktion, denn Brot und Bier galten beide als Grundnahrung. Wein verschwand daneben aber keineswegs, er kam nur meist von weiter nördlich in die Städte.
Städte wie Ninive und Tell Brak im Norden bauten Reben an. Von dort verschifften sie den Wein den Euphrat und den Tigris hinunter bis nach Ur und Uruk. Dort erreichte er vor allem Paläste und Tempel, seltener einfache Haushalte, denn der Transport machte ihn teuer. Im Gilgamesch-Epos, einer der ältesten erhaltenen Erzählungen der Menschheit, kommt auch Wein vor. Der Held trinkt ihn in einer Fassung sogar statt Bier, sobald er ans Ende der bekannten Welt gelangt. Für die Sumerer stand Wein damit für etwas Fremdes und Besonderes, das man sich leisten konnte, wenn man mächtig genug war.
Pharaonen und der Weinberg am Nil
In Ägypten sah die Lage anders aus. Am Nildelta ließ sich Wein gut anbauen. Ab etwa 3000 vor Christus zeigen Wandmalereien in Gräbern detailliert, wie Arbeiter Trauben pflücken, mit den Füßen stampfen und den Saft in große Tongefäße füllen. Diese Bilder waren keine Kunst um der Kunst willen. Sie sollten dem Verstorbenen im Jenseits denselben Genuss sichern, den er im Leben hatte, und galten deshalb als ernste religiöse Vorsorge.
Wein war in Ägypten fast ausschließlich der Oberschicht und den Priestern vorbehalten. Einfache Menschen tranken meist Bier, ähnlich wie in Mesopotamien, während Wein an Königshöfen und in Tempeln floss. Für Rituale und als Grabbeigabe für Pharaonen war er dagegen unverzichtbar, weil man ihm eine Verbindung zur Götterwelt zuschrieb. Manche Gräber enthielten Dutzende Amphoren, gefüllt und versiegelt für ein Leben nach dem Tod, das nach ägyptischer Vorstellung dem irdischen Leben glich. Im Grab des jungen Königs Tutanchamun etwa fanden Archäologen mehrere beschriftete Weinkrüge, obwohl der Herrscher schon als Teenager starb.
Frühe Etiketten auf Tongefäßen
Erstaunlich modern wirkt, wie genau die Ägypter ihren Wein kennzeichneten. Auf vielen Amphoren stand in Tinte geschrieben, aus welchem Weinberg die Füllung stammte. Oft vermerkte man auch das Erntejahr und manchmal sogar eine grobe Qualitätseinstufung. Ein Verwalter am Königshof konnte damit den Bestand ordnen, ganz ähnlich wie ein Etikett heute Herkunft und Jahrgang verrät.
Diese Beschriftungen sind einer der Gründe, warum Historiker über ägyptischen Wein so viel wissen. Sie erlauben es, einzelne Weingüter am Nildelta über mehrere Jahrhunderte zurückzuverfolgen und sogar gute von schwachen Jahrgängen zu unterscheiden. Ohne diese frühe Form der Buchführung wäre ein großer Teil dieses Wissens für immer verloren gegangen.
Zwei Kulturen, ein gemeinsames Erbe
Mesopotamien und Ägypten zeigen, wie unterschiedlich zwei benachbarte Regionen mit demselben Getränk umgingen. Das eine Reich baute seine Trinkkultur vor allem auf Getreide auf, das andere auf die Rebe. Beide Wege liefen über Handelsrouten zusammen, denn ägyptischer Wein reiste über das Mittelmeer, während mesopotamischer Wein über die Flüsse in den Süden gelangte. Kaufleute verbanden damit schon vor viertausend Jahren Regionen, die geografisch weit auseinanderlagen.
Für die weitere Geschichte des Weins war eine Verbindung besonders entscheidend. Es war der Austausch mit der Levante und später mit Kreta und dem griechischen Festland. Von dort aus verbreitete sich die Rebe weiter nach Westen, in Regionen, die den Wein bald zu einem festen Teil ihres Alltags und ihrer Feste machen sollten. Phönizische Händler segelten mit Rebstöcken und Weinamphoren an Bord übers Meer und legten damit an vielen Küsten des Mittelmeers neue Weinberge an, lange bevor Rom überhaupt gegründet wurde. Die nächste Station dieser Reise beginnt genau dort, am östlichen Rand des Mittelmeers, bei einem Volk, das aus dem Weintrinken eine eigene Kunstform machte.