
Sonne und Neigung
Höhe und Hang
Zwei Zahlen entscheiden neben dem Klima oft am meisten über einen Weinberg: wie hoch er liegt und wie steil er zur Sonne geneigt ist. Beide lassen sich auf einer Landkarte ablesen, lange bevor die erste Rebe überhaupt gepflanzt wird.
Warum Höhe kühlt
Mit jedem Kilometer Höhe sinkt die Lufttemperatur im Schnitt um etwa sechs Grad. Ein Weinberg auf achthundert Metern ist damit deutlich kühler als einer auf Meereshöhe in derselben Region. Das gilt sogar, wenn beide auf demselben Breitengrad liegen. Winzer nutzen diesen Effekt gezielt, um in eigentlich zu warmen Gegenden trotzdem frische, säurebetonte Weine zu erzeugen.
Der Weltrekord für diese Strategie steht in Argentinien. In der Provinz Salta wachsen Reben zwischen 1.580 und 3.111 Metern über dem Meer. Der Weinberg Altura Máxima bei Colomé gilt als der höchstgelegene der Welt. In dieser Höhe ist die Luft dünn. Tagsüber trifft intensive Sonneneinstrahlung auf die Trauben, nachts fällt die Temperatur stark ab. Dieser Wechsel konzentriert Aromen und Säure gleichermaßen.
Warum ein Hang mehr Sonne bekommt als ein Feld
Ein nach Süden geneigter Hang auf der Nordhalbkugel steht der tief stehenden Sonne viel direkter gegenüber als eine ebene Fläche. Die Sonnenstrahlen treffen dort steiler auf, statt flach über den Boden zu streifen. Sie liefern dadurch mehr Energie pro Quadratmeter. Auf der Südhalbkugel gilt dasselbe für nach Norden ausgerichtete Hänge. Deshalb tragen die besten Lagen kühler Weinbauländer fast immer diese Ausrichtung zur Sonne.
Ein Hang hilft auch beim Wasser. Regen läuft an einer Steigung schneller ab, statt im Boden stehen zu bleiben. Das beugt Wurzelfäule vor und zwingt die Rebe, tiefer nach Feuchtigkeit zu suchen. Genau dieser Stress gilt vielen Winzern als Qualitätsfaktor. Eine gestresste Rebe trägt weniger, aber konzentriertere Trauben.
Wenn Steilheit zur Handarbeit zwingt
Am Mosel-Ort Bremm liegt mit dem Calmont der steilste Weinberg Europas, mit einer Neigung von bis zu 65 Prozent. Eine Maschine hat dort keinen Halt. Jede Traube wird von Hand geschnitten und in Rückentragen oder über kleine Schienenbahnen ins Tal gebracht. Ähnlich extrem sind die schmalen, von Trockenmauern gestützten Terrassen im portugiesischen Douro-Tal, wo Portwein wächst. Solche Steillagen kosten ein Vielfaches dessen, was ebene Weinberge an Arbeitszeit brauchen.
Der Aufwand lohnt sich meist nur, weil die Weine aus diesen Lagen besonders gefragt sind. Ohne diesen Ruf würden die meisten Steillagen wirtschaftlich längst aufgegeben. Ein Traktor auf einem flachen Feld erledigt in einer Stunde, wofür eine Steillage einen ganzen Tag Handarbeit braucht.
Kaltluft sammelt sich unten
In engen Tälern fließt kalte, schwere Luft in klaren Nächten wie Wasser den Hang hinunter. Sie sammelt sich am tiefsten Punkt. Die Reben oben am Hang bleiben deshalb oft von Frost verschont. Dieselbe Nacht kann im Talgrund empfindliche junge Triebe zerstören. Aus diesem Grund liegen viele der besten Parzellen einer Steillage nicht am Fuß. Sie liegen stattdessen in der Mitte oder im oberen Drittel des Hangs.
Exposition ist mehr als nur Süden
Neben Süden zählt auch, ob ein Hang nach Osten oder Westen blickt. Ostlagen bekommen die milde Morgensonne und kühlen am Nachmittag wieder ab, was die Säure schont. Westlagen dagegen sammeln die intensivere Nachmittagssonne und werden dadurch wärmer, was für spätreifende Sorten von Vorteil sein kann. Diese feinen Unterschiede erklären, warum zwei Weinberge nur wenige hundert Meter voneinander entfernt völlig unterschiedliche Weine hervorbringen können, obwohl Boden und Klima auf den ersten Blick identisch wirken.
Zwei Hebel, ein Ziel
Höhe und Hang wirken selten allein. Oft kombiniert ein Winzer beides gezielt. Ein hoher, aber flacher Weinberg bleibt kühl, verliert aber Sonnenkraft. Ein niedriger, aber steiler Südhang gewinnt genau diese Wärme zurück, die die Höhe sonst nehmen würde. Wer beide Hebel zusammen liest, versteht einen Weinberg oft besser als über jede einzelne Bodenanalyse.
Ein Beispiel macht das greifbar: Ein Weinberg auf sechshundert Metern Höhe, an einem sanften Osthang mit nur zehn Prozent Neigung, kann am Ende ganz ähnlich reifen wie ein Weinberg auf vierhundert Metern an einem sehr steilen, nach Süden ausgerichteten Hang mit vierzig Prozent Neigung, weil beide Wege rechnerisch zur selben Wärmesumme führen können. Am Ende zählt nur eines. Wärmesumme schlägt Einzelwert.