
Nachklang in Sekunden
Abgang & Länge
Wenn der Wein längst geschluckt oder ausgespuckt ist, geht die Verkostung noch weiter. Im Abgang zeigt sich, was von einem Wein übrig bleibt und wie lange dieser Eindruck tatsächlich anhält.
Was im Abgang passiert
Direkt nachdem der Wein den Mund verlassen hat, ob geschluckt oder ausgespuckt, bleibt ein Nachklang zurück, der Abgang. Er besteht oft nicht aus denselben Aromen, die vorher im Mund da waren. Ein Wein kann am Gaumen vor allem fruchtig wirken. Im Abgang zeigt er dann plötzlich eine würzige oder mineralische Note, die vorher unter der Frucht verborgen lag. Genau dieser Wechsel macht den Abgang zu einem eigenständigen Prüfpunkt und nicht bloß zur Fortsetzung des vorherigen Eindrucks.
Ob man den Wein am Ende schluckt oder ausspuckt, verändert den Abgang übrigens kaum. Die Aromen wandern über den Rachenraum zur Nase, unabhängig davon, ob der Wein anschließend den Magen erreicht. Nur das wärmende, leicht brennende Gefühl von Alkohol im Rachen fällt beim Ausspucken etwas schwächer aus. Dann gelangt weniger Alkohol tatsächlich in den Körper.
Sekunden zählen: die Caudalie
Wie lange ein Eindruck anhält, lässt sich sogar in Zahlen fassen. Französische Önologen prägten in den achtziger Jahren dafür den Begriff Caudalie, abgeleitet vom lateinischen Wort für Schwanz. Eine Caudalie entspricht dabei einer Sekunde spürbarem Nachklang. Ein einfacher, unkomplizierter Wein hält oft nur zwei oder drei Sekunden durch, bevor der Geschmack verschwindet. Ein durchschnittlicher Wein bringt es meist auf fünf bis sechs Sekunden. Bei großen, konzentrierten Weinen zählen Kenner teils zehn Sekunden und mehr, bevor der letzte Eindruck endgültig verklingt.
Diese Zahlen sind eine grobe Orientierung. Kein Wettkampf um jede zusätzliche Sekunde. Wer ernsthaft zählen will, schluckt oder spuckt und beobachtet dann still, wie lange Geschmack und Duft im Rachen nachwirken. Am besten geht das mit einer Uhr im Blick, weil die eigene Zeitwahrnehmung an dieser Stelle gern täuscht. Bei vielen Bewertungsbögen taucht die Länge deshalb als eigener kleiner Punkteposten auf, getrennt von Aroma und Geschmack, weil sie tatsächlich etwas anderes misst: nicht wie ein Wein schmeckt, sondern wie lange dieser Eindruck einfach anhält.
Länge ist kein Selbstzweck
Ein langer Abgang gilt als Zeichen für Konzentration und Qualität, und oft stimmt das sogar. Doch Länge allein sagt nichts darüber, ob der Nachklang auch angenehm ist. Ein Wein mit zu viel Alkohol kann minutenlang als brennende Wärme im Rachen nachhallen, ohne dass davon irgendein Aroma übrig bleibt, und ein Wein mit grünen, unreifen Tanninen hinterlässt manchmal einen langen, aber unangenehm bitteren Abgang.
Entscheidend ist deshalb immer die Kombination aus Dauer und Qualität des Nachklangs. Ein kurzer, aber sauberer und stimmiger Abgang ist einem langen, aber schiefen jederzeit vorzuziehen. Wer nur auf die Uhr schaut und nicht auf den Charakter des Nachklangs achtet, misst am Ende die falsche Größe.
Den Abgang bewusst prüfen
Um den Abgang wirklich zu erfassen, hilft ein kleiner Kniff: kurz durch die Nase ausatmen, nachdem der Wein den Mund verlassen hat. Dabei steigen Dampf und Aromen von hinten durch den Rachen in die Nase auf, ein Weg, den Fachleute retronasales Riechen nennen. Er zeigt oft nachträglich Aromen, die vorn im Mund gar nicht auffielen.
Wer dabei genau hinhört, achtet zusätzlich darauf, ob sich der Charakter des Nachklangs verändert. Manche Weine starten fruchtig und enden staubig-tanninhaltig, andere bleiben von Anfang bis Ende bei derselben Aromenrichtung. Ein Abgang, der sich wandelt, wirkt oft komplexer. Ein Abgang, der abrupt abbricht, wirkt dagegen unfertig, selbst wenn der erste Eindruck im Mund überzeugend war.
Zwei Arten von Länge
Nicht jede Länge fühlt sich gleich an, denn ein Nachklang kann aus zwei unterschiedlichen Quellen stammen. Die eine ist aromatisch: Frucht- und Gewürztöne, die im Rachen weiterschweben. Die andere ist strukturell, das trockene Gefühl von Tannin oder das Zusammenlaufen von Speichel durch Säure, das oft länger anhält als jedes Aroma.
Ein Schaumwein etwa verliert seine Aromen häufig recht schnell, weil die Kohlensäure den Gaumen erfrischt und ablenkt, hinterlässt aber oft ein langes, prickelndes Säuregefühl. Ein tanninreicher Rotwein wiederum kann geschmacklich schon verklungen sein, während der Mund noch minutenlang trocken bleibt. Wer beide Arten von Länge auseinanderhält, beschreibt einen Abgang genauer, als es die reine Sekundenzahl je könnte.