Blindverkostung

Urteil ohne Etikett

Blindverkostung

Sobald man weiß, was im Glas steht, schmeckt man nicht mehr ganz neutral. Ein Etikett, ein Preis oder ein bekannter Name schieben sich zwischen den Wein und das eigene Urteil, und Blindverkostungen wurden genau dagegen erfunden.

Warum ein Etikett den Eindruck verändert

Wie stark ein Etikett das Urteil verbiegt, zeigte der französische Forscher Frédéric Brochet im Jahr 2001 mit zwei einfachen Versuchen. Im ersten färbte er einen Weißwein mit geschmacksneutraler Farbe rot und ließ vierundfünfzig Studierende der Önologie ihn beschreiben. Kaum jemand erkannte den Trick. Fast alle benutzten Wörter, die eigentlich zu Rotwein gehören, etwa nach eingekochter roter Frucht, obwohl im Glas ein ganz gewöhnlicher Weißwein steckte.

Im zweiten Versuch bekamen siebenundfünfzig Testpersonen denselben mittelmäßigen Bordeaux zweimal vorgesetzt, einmal mit einem Etikett für einfachen Tafelwein, einmal mit dem Etikett eines angesehenen Spitzenguts. Die vermeintlich einfache Flasche beschrieben sie als dünn und unausgewogen, dieselbe Flüssigkeit mit dem besseren Etikett dagegen als komplex und harmonisch. Der Wein hatte sich zwischen beiden Verkostungen kein einziges Mal verändert, nur das Wissen der Testpersonen.

Der Tag, an dem Kalifornien Frankreich schlug

Wie folgenreich eine echte Blindverkostung sein kann, zeigte sich am vierundzwanzigsten Mai 1976 in Paris. Der britische Weinhändler Steven Spurrier hatte französische Verkoster eingeladen, kalifornische und französische Weißweine sowie Rotweine blind gegeneinander antreten zu lassen. Anlass war eine kleine Feier zum zweihundertsten Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit. Niemand rechnete mit einem Überraschungsergebnis, schon gar nicht die französischen Preisrichter selbst.

Am Ende gewannen in beiden Kategorien kalifornische Weine, ein Chardonnay von Chateau Montelena und ein Cabernet Sauvignon von Stag's Leap Wine Cellars, beide aus dem Jahrgang 1973. Die Geschichte ging als Urteil von Paris in die Weinwelt ein und bewies etwas, das bis dahin kaum jemand laut aussprach: Ohne das Etikett vor Augen verlor der Ruf einer ganzen Weinnation seine automatische Überlegenheit.

Einfach blind oder doppelt blind

Bei einer einfachen Blindverkostung weiß nur der Verkoster nicht, welcher Wein im Glas ist, während die Person, die einschenkt, es genau kennt. Das reicht für den privaten Vergleich zuhause meist völlig aus. Bei Wettbewerben und in der professionellen Kritik gehen viele Veranstalter einen Schritt weiter und verkosten doppelt blind: Auch wer einschenkt, kennt die Zuordnung von Glas zu Wein nicht mehr, weil eine dritte Person die Reihenfolge zuvor verdeckt festgelegt hat.

Dieser zusätzliche Schritt verhindert, dass sich Vorlieben unbewusst über Blicke, Tonfall oder die Reihenfolge des Einschenkens einschleichen. Gerade bei Medaillenwettbewerben mit vielen hundert Proben ist doppelte Verblindung inzwischen der Normalfall. Schon ein einziger durchgesickerter Name kann sonst das Ergebnis für eine ganze Kategorie verzerren.

Blind schmecken üben, ohne sich zu verbiegen

In Ausbildungen für Sommeliers gehört eine besondere Übung dazu: aus Farbe, Duft und Geschmack systematisch auf Rebsorte, Herkunft und Alter eines unbekannten Weins zu schließen. Eine kräftige Säure und ein zartes Grün in der Farbe sprechen für ein kühleres Klima, eine samtige Textur mit reifer, dunkler Frucht eher für eine warme Lage. Mit viel Übung wird aus dieser Kette von Indizien tatsächlich eine erstaunlich treffsichere Vermutung.

Diese Übung ist trotzdem kein Maßstab für den Alltag. Beim ganz normalen Genuss zuhause muss niemand die Rebsorte erraten oder eine Herkunft bestimmen können, um einen Wein zu verstehen und zu mögen. Blindverkosten lohnt sich vor allem dann, wenn ein Urteil möglichst unabhängig vom Preis oder vom klingenden Namen ausfallen soll. Ein gutes Beispiel ist der Vergleich mehrerer ähnlicher Flaschen aus dem eigenen Keller.

Blind auch zuhause

Eine einfache Version der Blindverkostung funktioniert auch am eigenen Esstisch, ganz ohne Wettbewerb oder Fachjury. Eine zweite Person schenkt zwei oder drei Weine in nummerierte Gläser um und deckt die Flaschen ab. Im Geheimen notiert sie, welche Nummer zu welchem Wein gehört. Erst nach der eigenen Einschätzung wird aufgedeckt, welcher Wein sich hinter welcher Nummer verbarg.

Solche kleinen Runden zeigen oft mehr über den eigenen Geschmack als jede offene Verkostung. Der günstigere Wein bekommt so plötzlich eine faire Chance. Wer regelmäßig mit Freunden auf diese Weise vergleicht, lernt außerdem etwas Grundsätzliches. Der eigene Eindruck verschiebt sich an einem einzigen Abend erstaunlich stark, je nach Reihenfolge und Tagesform.

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