Punktesysteme

Skalen im Vergleich

Punktesysteme

Eine einzelne Zahl klingt nach Objektivität, obwohl hinter jeder Weinbewertung immer noch ein einzelner Mensch mit eigenen Vorlieben sitzt. Zwei Skalen prägen bis heute, wie diese Zahl zustande kommt: zwanzig Punkte und hundert Punkte.

Die 20-Punkte-Skala aus Davis

Die ältere der beiden Skalen entstand 1959 an der University of California in Davis. Der Önologe Maynard Amerine und sein Team brauchten eine Methode, um die vielen Versuchsweine der Universität systematisch zu vergleichen, und teilten die zwanzig möglichen Punkte auf einzelne Merkmale auf: Aussehen, Farbe, Aroma, Säure, Süße, Körper, Tannin und Gesamteindruck bekamen jeweils einen eigenen kleinen Punktetopf. Am Ende wurden alle Einzelwerte zu einer Gesamtsumme addiert.

Diese Aufteilung erzwingt eine gewisse Disziplin, weil ein Verkoster jede Eigenschaft einzeln bewerten muss, statt gleich ein Gesamturteil zu fällen. Der Nachteil zeigte sich schnell. Die meisten ernstzunehmenden Weine landen zwischen sechzehn und zwanzig Punkten, und in diesem schmalen Band lässt sich kaum fein unterscheiden. Modernere Varianten, etwa zwanzig Punkte mit halben Schritten, wie sie unter anderem britische Fachmagazine verwenden, schaffen dafür etwas mehr Spielraum.

Die 100-Punkte-Skala von Parker

Die heute bekanntere Skala geht auf den amerikanischen Kritiker Robert Parker zurück. 1978 stellte er sie in der ersten Ausgabe seines Newsletters The Wine Advocate vor. Auf dem Papier reicht sie von null bis hundert. In der Praxis bewegt sich aber fast jede bewertete Flasche zwischen fünfzig und hundert Punkten, weil kaum ein im Handel erhältlicher Wein schlechter als mittelmäßig eingestuft wird. Die tatsächlich genutzte Bandbreite gleicht damit eher einer Fünfzig-Punkte-Skala.

Trotzdem, oder gerade deshalb, setzte sich das System weltweit durch. Eine Zahl wie vierundneunzig wirkt präziser und leichter vergleichbar als eine Note zwischen gut und sehr gut, selbst wenn der Unterschied zwischen dreiundneunzig und vierundneunzig Punkten am Gaumen für die meisten Menschen kaum wahrnehmbar ist. Weinhändler und Auktionshäuser übernahmen die Zahl trotzdem gern als Verkaufsargument, weil sie sich gut in eine Regalbeschriftung oder eine Anzeige packen lässt.

Zwei Systeme, zwei Kulturen

Wo welches System benutzt wird, folgt grob einer geografischen Linie. Der amerikanische Markt und viele internationale Kritiker, die sich an ihm orientieren, arbeiten bis heute mit hundert Punkten. In akademischen Kreisen, bei manchen europäischen Weinwettbewerben und bei einem Teil der britischen Fachpresse hält sich dagegen die zwanzig-Punkte-Tradition. Sie wird oft um Medaillen wie Gold, Silber oder Bronze ab bestimmten Schwellenwerten ergänzt.

Umrechnungstabellen zwischen beiden Systemen kursieren zuhauf, sind aber selten mehr als eine grobe Faustregel. Ein Wein, den ein Gremium mit siebzehn von zwanzig Punkten auszeichnet, taucht in solchen Umrechnungen oft bei knapp neunzig Punkten der Hundert-Punkte-Skala auf. Diese Übertragung bleibt aber eine mathematische Näherung, keine echte Übersetzung zweier unterschiedlicher Bewertungslogiken.

Was eine Zahl nicht zeigt

Jede Punktzahl bleibt die Meinung einer einzelnen Person oder eines kleinen Gremiums an einem bestimmten Tag. Kritiker mit einer Vorliebe für kräftige, holzbetonte Weine bewerten schlanke, zurückhaltende Stile systematisch niedriger, unabhängig davon, wie sauber diese Weine tatsächlich gemacht sind. Ein Wein, der bei einem Kritiker durchfällt, kann bei einem anderen, der einen anderen Stil bevorzugt, zwanzig Punkte höher landen.

Eine Zahl ersetzt deshalb nie das eigene Urteil, sie ergänzt es höchstens. Wer eine Punktzahl als groben Hinweis liest, etwa ob ein Wein grundsätzlich als solide gilt, und den Rest dem eigenen Glas überlässt, holt aus beiden Systemen das Beste heraus. Keine einzelne Ziffer muss dabei die eigene Nase vorschreiben.

Wie eine Jury zu einer Zahl kommt

Hinter einer einzelnen veröffentlichten Punktzahl steckt bei Wettbewerben selten nur eine Person. Mehrere Verkoster bewerten denselben Wein unabhängig voneinander, meist ohne sich vorher abzusprechen, und erst danach werden die Einzelwerte zusammengeführt. Weicht eine Einzelbewertung stark von den übrigen ab, verkosten manche Jurys den betreffenden Wein sogar ein zweites Mal, damit ein einzelner Ausreißer nicht das Gesamtergebnis verzerrt.

Bei einzelnen Kritikern wie im Fall der Hundert-Punkte-Skala fällt dieser Ausgleich weg. Hier steht eine einzige Zunge hinter jeder Zahl, mit ihren eigenen Vorlieben und ihrer eigenen Tagesform. Das erklärt, warum sich Kritikerbewertungen für denselben Wein manchmal deutlicher unterscheiden als Ergebnisse von Wettbewerben mit mehreren Prüfern.

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