
Feucht statt trocken
Klima
Canelones hat kein Weinklima im klassischen Sinn. Hier regnet es das ganze Jahr über, auch mitten im Sommer. Rund tausend Millimeter Niederschlag fallen jährlich, verteilt auf alle vier Jahreszeiten, und ausgerechnet zur Lese im Februar, März und April kann es ebenso nass sein wie im Mai.
Verantwortlich dafür sind zwei Wassermassen: der Atlantik im Osten und der breite Trichter des Río de la Plata im Süden. Beide schicken feuchte Luft landeinwärts und drücken die Temperaturen ein. Die Sommer werden warm, aber selten brutal heiß – im Mittel um die achtundzwanzig Grad, mit kühlenden Meeresbrisen an den heißesten Nachmittagen.
Übers Jahr schwankt das Thermometer zwischen fünf und einunddreißig Grad. Nur selten fällt es unter minus eins oder steigt über sechsunddreißig. Richtig kalt wird es kaum. Ende Juni und im Juli droht am ehesten Frost, doch anders als im mitteleuropäischen Weinbau ist er hier eine Randnotiz, kein Jahresrisiko.
Diese Feuchtigkeit ist Fluch und Segen zugleich. Sie zwingt Winzer zu offenem Laub, lockerem Bestand und oft zur Handlese, weil sich Fäulnispilze in dichten Trauben rasch ausbreiten. Gleichzeitig bremst die Wolkendecke die Zuckerbildung in der Beere, sodass Canelones-Weine selten überreif oder alkohollastig geraten – ein Regenmuster, das dem von Bordeaux ähnelt, nur südlich des Äquators.
Genau diese Bedingungen erklären, warum ausgerechnet Tannat hier zur Hauptsorte wurde. Ihre dicke Schale übersteht Feuchtigkeit besser als die dünnhäutiger Sorten wie Pinot Noir, und ihre Säure bleibt bei bedecktem Himmel erhalten, statt in praller Sonne wegzuschmelzen. Wo andere Reben in Canelones kämpfen, gedeiht Tannat gerade deshalb.