
Tiefe Seen wärmen
Klima
Wer im Winter durch Central New York fährt, sieht meilenweit gefrorene Felder und kaum eine Rebe. Die Wachstumsperiode der Finger Lakes dauert nur 190 bis 205 Tage, kürzer als in fast jeder anderen bekannten Weinregion der Welt. Trotzdem reift hier zuverlässig Riesling. Der Grund liegt nicht in der Luft, sondern im Wasser darunter.
Seneca Lake ist an seiner tiefsten Stelle über 180 Meter tief und friert deshalb so gut wie nie zu. Cayuga Lake, gut 60 Kilometer lang, reicht mit seinem Grund sogar unter den Meeresspiegel. Beide Seen speichern von März bis August enorme Mengen an Wärme. Sie geben sie danach nur langsam wieder ab. Im Frühling bleibt die Luft über dem Wasser deshalb kühl, was den Austrieb der Reben verzögert und sie vor Spätfrösten schützt. Im Herbst passiert das Gegenteil, weil die Seen die Luft an den Hängen heizen, während im Landesinneren längst der erste Frost liegt.
Wer die Karte der Weingüter ansieht, erkennt sofort ein Muster: Fast alle stehen an Hängen, nicht im Tal. Kalte Luft ist schwerer als warme und sackt nachts nach unten. Ein Weinberg mitten im Tal liegt also genau dort, wo sich der Frost sammelt. An der Südostseite des Seneca Lake ist der Effekt so ausgeprägt, dass Einheimische die Gegend seit Jahrzehnten den Banana Belt nennen. Der Name hat nichts mit Bananen zu tun, sondern damit, dass dort selbst empfindliche Sorten selten Frostschäden erleiden.
Konstantin Frank wählte sein Land am Keuka Lake nicht zufällig. Das Westufer liegt der tiefsten Stelle des Sees gegenüber und bekommt dadurch die stärkste Pufferwirkung ab. Ohne diesen Vorteil hätte seine erste vinifera Pflanzung den ersten strengen Winter kaum überlebt. Dieselbe Logik gilt bis heute. Wo die Hänge steil zum Wasser abfallen, wächst inzwischen auch mehr Cabernet Franc, Pinot Noir und Cabernet Sauvignon als noch vor zehn Jahren — Sorten, die früher als zu riskant für die Gegend galten.