
Wurzelecht trotz Sandboden
Herstellung
Nahezu alle Reben in Washington wachsen auf ihren eigenen Wurzeln, nicht auf veredelten amerikanischen Unterlagen wie fast überall sonst auf der Welt. Nach Angaben der Washington State Wine Commission gilt das für rund neunundneunzig Prozent der Rebfläche. Der Grund liegt im Boden selbst: Die sandigen, von den Missoula-Fluten hinterlassenen Schichten bieten der Reblaus keinen Halt zum Graben. Dieser winzige Schädling entlaubte im neunzehnten Jahrhundert fast ganz Europa.
Das ist ein seltener Luxus. Anderswo muss praktisch jede europäische Rebe auf eine resistente amerikanische Unterlage gepfropft werden, um zu überleben, und Winzer in Washington zeigen ihre wurzelechten Anlagen entsprechend stolz. Ganz sicher ist die Lage trotzdem nicht mehr: 2019 fanden Fachleute erstmals eine etablierte Reblauspopulation in einem Weinberg bei Walla Walla. Ausgerechnet dort ist der Boden weniger sandig und lehmiger als in der übrigen Columbia Valley.
Im Keller beginnt die eigentliche Arbeit oft schon nachts. Weil die Tage im Hochsommer nicht selten über vierzig Grad erreichen, lassen viele Betriebe ihre Erntehelfer in den kühlen frühen Morgenstunden arbeiten. So kommen die Trauben nicht schon warm in die Presse. Kühl geerntetes Lesegut behält mehr Säure und Fruchtaroma. Kein Kellertrick ersetzt das nachträglich.
Beim Ausbau setzen viele Keller auf amerikanische und französische Eiche gleichermaßen, oft gemischt im selben Verschnitt. Ein kräftiger Cabernet Sauvignon von Red Mountain verträgt dabei deutlich mehr neues Holz als ein Riesling aus kühleren Lagen. Dessen Frische würde ein Fass eher zudecken als stützen. Am Ende zeigt sich: Washingtons Winzer verlassen sich weniger auf Tricks im Keller als auf das, was Sonne, Sand und kalte Nächte im Weinberg bereits vorgeleistet haben.