
Monsun und Hochebene
Wasser & Klima
Amruts Brennwasser fällt zuerst als Regen im Himalaya, lange bevor es in Bangalore auf gemälzte Gerste trifft. Gesammelt in einem Brunnen im Norden Indiens, legt es denselben Weg zurück wie die Gerste, mit dem Lastwagen über weite Strecken quer durchs Land. Erst auf der Deccan-Hochebene, rund 900 Meter über dem Meer, kommen Wasser und Malz zusammen. Kein Fluss und keine nahe Quelle sparen der Brennerei diesen Umweg. Jeder Liter reist fast so weit wie die Gerste selbst.
Unter Bangalore liegt einer der ältesten Gesteinsböden der Erde, der sogenannte Halbinsel-Gneis. Das harte Gestein lässt Regenwasser kaum versickern, Brunnen in der Region liefern hartes, mineralreiches Wasser. Goa, weiter südwestlich an der Küste, steht auf ganz anderem Grund: rotem Lateritgestein, das der Monsun jedes Jahr auswäscht. Dieses poröse, eisenreiche Gestein lässt Wasser leichter durch als der Granit im Norden. Das Wasser in Goa schmeckt dadurch weicher, mit weniger Mineralien als das von der Hochebene.
Durch Goa fließt der Mandovi, gespeist vom Südwestmonsun, der zwischen Juni und September auf die Küste trifft und die Luft wochenlang tropfnass hält. In dieser Feuchtigkeit reift Paul Johns Whisky, anders als das trockenere Klima auf der Hochebene von Bangalore, wo die Luft zwar heiß, aber deutlich weniger feucht ist. Für die Brennerei bedeutet das zwei sehr unterschiedliche Jahreszeiten. In den nassen, schwülen Monaten bewegt sich die Luft kaum. In den trockeneren Monaten zieht dagegen die Seebrise über das Lagerhaus.
Beide Klimazonen zwingen den Whisky zu einem Tempo, das Schottland nicht kennt. Wo ein Fass in Speyside gemächlich Farbe annimmt, verdunstet in Bangalore wie in Goa jedes Jahr ein deutlich größerer Anteil des Inhalts, angetrieben von Hitze und, an der Küste, zusätzlich von der feuchten Meeresluft. Schottische Brenner sprechen von Jahren, indische von Jahreszeiten. Was am Wasser beginnt, endet am Fass. Zwei Klimazonen, ein Land, zwei ganz unterschiedliche Whiskys.