
Trinkspruch & Sitte
Trinkkultur
Am Moskauer Tisch gehört zu jedem Glas ein Trinkspruch, und sei er noch so kurz. Ohne Worte davor gilt das Trinken als unhöflich gegenüber der Runde. Schon zu Pjotr Smirnows Zeiten gehörte dieser kurze Satz vor dem Glas zum guten Ton. Erst wird gesprochen, dann ausgetrunken, das Glas möglichst in einem Zug bis auf den Grund.
Diese Sitte des Zastolje, der langen Tafel mit vielen kleinen Gängen, reicht bis in die Zarenzeit zurück. Sie überlebte auch die Sowjetunion. Feste Regeln gehören dazu: Wodka wird eisgekühlt serviert, nie mit Eiswürfeln im Glas. Zwischen den Runden isst man etwas von den Zakuski, den kalten Häppchen auf dem Tisch. Auch Gäste ohne russische Vorkenntnisse werden in diese Abfolge meist freundlich, aber bestimmt hineingezogen.
Die sowjetische Anti-Alkohol-Kampagne unter Michail Gorbatschow ab 1985 versuchte, genau diese Gewohnheiten einzuschränken. Brennereien wie Kristall mussten die Produktion drosseln, Geschäfte hatten kürzere Öffnungszeiten für Spirituosen. Die Kampagne blieb unpopulär und wurde nach wenigen Jahren wieder gelockert, ohne die Trinkkultur wirklich zu verändern.
Wer in Moskau zum ersten Mal an so einer Tafel sitzt, merkt schnell: Ablehnen eines Trinkspruchs gilt als unhöflicher als ein zu volles Glas. Gastgeber drängen selten offen, aber ein leeres Glas wird sofort wieder gefüllt. Wer aufhören will, sagt das am besten deutlich und einmal, statt das Glas stehen zu lassen.
Wichtiger als die Menge ist für viele die Reihenfolge. Der erste Trinkspruch gilt oft der Gesundheit oder dem Anlass des Treffens, spätere werden persönlicher. Reines Trinken ohne Anlass, ohne Zakuski und ohne Gesellschaft gilt in dieser Tradition als Zeichen von Problemen, nicht als normaler Alltag.