
Toast & Enthaltsamkeit
Trinkkultur
An einem Tisch in Kasan sitzen oft zwei Trinkkulturen nebeneinander. Seit die Wolgabulgaren im Jahr 922 den Islam annahmen, gilt Alkohol für viele Tataren und Baschkiren als religiös gemieden. Russische, tschuwaschische und mordwinische Nachbarn pflegen in derselben Region dagegen die orthodoxe Tradition des Tafeltrinkens.
Diese Tradition kennt feste Regeln. Ein Tamada, ein Trinkleiter, eröffnet die Tafel und gibt die Reihenfolge der Trinksprüche vor. Er beginnt beim ersten Toast auf das Treffen und endet beim letzten auf die Gastgeber. Wer aufbricht, trinkt oft noch den „Possoschok“, einen letzten kleinen Schluck für den Weg. Das Wort kommt vom russischen Wort für Wanderstock.
Ringen, Wettläufe und ein gemeinsames Essen prägen den Sabantuy. Das Fest der Pflüger findet nach der Frühjahrsaussaat bei Tataren und Baschkiren statt und verbindet die ganze Region. Zur ursprünglichen, muslimisch geprägten Festtradition gehörte Alkohol nicht dazu.
Beide Traditionen laufen seit Jahrhunderten nebeneinander her, ohne sich völlig zu vermischen. Wer als Gast durch die Region reist, merkt das oft erst am Tisch. In tatarischen und baschkirischen Familien wird selbstverständlich auch ohne Alkohol gefeiert. In russisch geprägten Haushalten dagegen bleibt der Wodka fester Teil der Tafel.
Eine ungeschriebene Regel gilt an russisch geprägten Tischen bis heute: Eine geöffnete Flasche wird nicht mit nach Hause genommen, sie bleibt, bis sie leer ist. In Ufa wie in Kasan gilt dieselbe stille Abmachung. Ob und wie viel jemand davon trinkt, ist trotzdem Sache jedes Einzelnen.