
Übernahmen und Folgen
Wenn Konzerne Craft-Brauereien kaufen
Konzerne kaufen Craft-Brauereien spätestens seit 2011, als AB InBev Goose Island übernahm. Es folgten Lagunitas (Heineken), Ballast Point (Constellation Brands), Camden Town und Birra del Borgo (AB InBev). Nach der US-Definition verlieren solche Brauereien den Craft-Status, ihr Bier kann trotzdem gut bleiben.
Welche Craft-Brauereien gehören heute Konzernen?
Die Liste der bekannten Übernahmen ist lang. 2011 kaufte AB InBev, der größte Braukonzern der Welt, die Chicagoer Brauerei Goose Island. Im September 2015 übernahm Heineken die Hälfte von Lagunitas aus Kalifornien, damals die fünftgrößte Craft-Brauerei der USA; im Mai 2017 folgte die andere Hälfte. Ebenfalls 2015 zahlte Constellation Brands, in den USA Vertreiber von Corona und Modelo, eine Milliarde Dollar für Ballast Point aus San Diego.
Auch in Europa wechselten Pioniere den Besitzer. AB InBev kaufte im Dezember 2015 Camden Town in London, berichtet wurde ein Preis von 85 Millionen Pfund, und im April 2016 Birra del Borgo in Italien. Heineken stieg 2018 mit einer Minderheit bei Beavertown in London ein und vereinbarte 2022 die vollständige Übernahme. 2019 verkaufte die Londoner Traditionsbrauerei Fuller's ihr Biergeschäft für 250 Millionen Pfund an Asahi, die Pubs blieben bei der alten Firma.
Warum kaufen Braukonzerne Craft-Marken?
Die Gründe liegen auf beiden Seiten. Große Braugruppen verkaufen vor allem helle Lagerbiere in riesigen Mengen. Eine Craft-Marke bringt ihnen Rezepte, Wissen über Hopfen und Fassreifung und ein Publikum, das bereit ist, für eine Flasche mehr zu zahlen. Einen eigenen Stil neu zu erfinden dauert Jahre, eine bestehende Brauerei zu kaufen geht schneller.
Die Verkäufer wiederum bekommen Kapital und Zugang zu Vertriebswegen, die eine kleine Brauerei nie aufbauen könnte: Supermärkte in allen Bundesstaaten, Exportlager, eigene Lastwagenflotten. Manche Gründer wollen sich zurückziehen, andere wollen wachsen. Auch Finanzinvestoren steigen ein, ohne selbst zu brauen. So kaufte die Beteiligungsgesellschaft TSG Consumer Partners 2017 einen Anteil von 22 Prozent an BrewDog, für rund 265 Millionen Dollar.
Was passiert nach der Übernahme einer Craft-Brauerei?
Die Geschichten gehen weit auseinander. Ballast Point ist das deutlichste Beispiel für einen Fehlschlag: Vier Jahre nach dem Milliardenkauf gab Constellation die Marke im Dezember 2019 an die kleine Brauerei Kings & Convicts aus Illinois ab, für rund 41 Millionen Dollar. Anchor in San Francisco gehörte ab 2017 dem japanischen Konzern Sapporo und schloss im Juli 2023. Im Mai 2024 kaufte der Unternehmer Hamdi Ulukaya die Brauerei, geöffnet hatte sie bis Juni 2026 nicht wieder.
Andere Marken liefen unter neuem Dach weiter. Goose Island bringt sein Bourbon County Stout seit der Übernahme jedes Jahr heraus und ist in viel mehr Ländern erhältlich als früher. In der Szene selbst lösten Verkäufe heftige Reaktionen aus. Als AB InBev Camden Town kaufte, nahm BrewDog dessen Biere aus seinen Bars. Viele Fans empfinden einen Verkauf als Bruch mit der Idee, gegen die Großen anzutreten.
Ist Bier aus Konzernbrauereien schlechter als Craft-Bier?
Nicht automatisch. Die Definition der Brewers Association beschreibt Größe und Eigentum, nicht Qualität. Nach ihr ist Goose Island seit 2011 kein Craft-Brauer mehr, obwohl im Sudhaus oft dieselben Menschen dieselben Rezepte brauen. Ein Konzern kann Qualität sogar verbessern, etwa durch bessere Labore und Kühlketten. Er kann aber auch Rezepte vereinfachen, um Kosten zu sparen. Was davon passiert, sieht man von außen kaum.
Deutschland zeigt, dass die Grenze nie ganz scharf war. Braufactum, eine der ersten deutschen Craft-Marken, war von Anfang an ein Projekt der Radeberger Gruppe. Wer wissen will, woher ein Bier stammt, liest das Kleingedruckte: Steht dort „gebraut für“ statt „gebraut von“, kommt das Bier aus einer anderen Anlage. Die Eigentümer verraten Firmenregister und Geschäftsberichte. Das Urteil über den Geschmack aber fällt am Ende im Glas, nicht im Handelsregister.